Silvestertagung

Die Silvesterwerkwoche ist die zentrale Tagung des Quickborn-Arbeitskreises. Sie findet jedes Jahr über den Jahreswechsel vom 28.Dezember bis zum 4.Januar auf Burg Rothenfels statt. Der besondere Reiz liegt in der generationenübergreifenden Begegnung von Jung und Alt, des Zusammenseins in gegenseitigem Respekt, Unterhaltung, Besinnung und Feiern. Der Jahreswechsel bildet einen Höhepunkt der Tagung.

In einem strukturierten Tagesablauf während der Silvestertagung bilden die liturgischen Veranstaltungen die Eckpfeiler. Jeder Tag beginnt mit einem Morgenimpuls. Vor dem Mittagessen gibt es ein Mittagsgebet. Ein Gottesdienst findet am späten Nachmittag statt. Der Tag endet mit einer Mediation in unserer Kapelle, wo man die Eindrücke noch einmal Revue passieren lässt. Diese besonderen Punkte des Tages werden insbesondere von den Jugendlichen gestaltet, ganz speziell musikalisch wie auch inhaltlich. Dabei ist jeder in seinem Engagement frei und flexibel, die Freude an der eigenen Kreativität springt aber regelmäßig und schnell über.

Die Themen der Werkwoche werden von den Teilnehmern selbst vorgeschlagen und für den Termin im übernächsten Jahr ausgewählt. Dadurch wird ein große Bandbreite an religiösen, gesellschaftspolitischen oder auch ganz spezielle ethische oder kulturelle Bereiche durchdrungen und diskutiert. Der externe Impuls durch einen Referenten wirft Fragestellungen auf, die von allen interessierten in kleinen moderierten Runden reflektiert werden. Die individuelle Auseinandersetzung mit den Fragen bezieht dabei das Wissen, die persönliche Erfahrung und die Meinung jedes weiteren Teilnehmers des Gesprächskreises mit ein. Das Konzept ermöglicht jedem sich tiefergehend mit dem Thema zu befassen und regt zum konstruktiven Weiterdenken an.

Die Themen der letzten Veranstaltungen

2011/12 - Wirtschaft und Ethik – Zukunftsfähigkeit unternehmen - Michael Kopatz

Wir können uns glücklich schätzen. Die Wirtschaft boomt wie lange nicht mehr und die Zahl der Arbeitslosen ist rückläufig.  Also weiter machen wie bisher, am besten noch kraftvoller? Das wäre fatal, denn die wirtschaftliche Expansion, also der Weg des »weiter so« beraubt die nächsten Generationen ihrer Lebens- und Gestaltungsperspektiven.

 

2012/13 - Medizin und Ethik: Wollen wir, was wir können? - Dr. Elisabeth von Lochner, Prof. Dr. Michael Schmidt

Auf kaum einem anderen Gebiet der Wissenschaft ist der Zwiespalt über die Entwicklungen und wachsenden Möglichkeiten so deutlich erkennbar wie derzeit auf dem Feld biomedizinischer Forschung. Einerseits dient sie der Befreiung des Menschen aus den Zwängen der Natur und ihren bislang als unverrückbar geltenden Gegebenheiten. Andererseits unterwirft genau dieser Fortschritt den Menschen oftmals einem Machbarkeitswahn, der alle humanen Vorstellungen und Zielsetzungen verloren hat.

Die Verheißungen der modernen Lebenswissenschaften  werden gerade in der öffentlichen Debatte gezielt eingesetzt, um das Bild einer besseren, gesünderen und glücklicheren Zukunft entstehen zu lassen. Ob die erhofften Fortschritte und der Durchbruch zu neuartigen Behandlungsformen  für bislang  unheilbare Krankheiten jemals kommen werden, ist ungewiss, doch soll die Berufung auf das hohe Gut der Gesundheit mögliche Zweifel ausräumen.

2013/14 - KIRCHE – quo vadis? - PD Dr. Paul Platzbecker, Dipl. Theologe Wolfgang Müller

Die, die „mich in vielem so ärgert, plagt, mir Kummer und Sorgen macht“, ist dieselbe, „der ich wie keiner anderen geschichtlichen Macht tief dankbar bin.“ So beschreibt der katholische Publizist und Schriftsteller Walter Dirks in seiner Autobiographie das Verhältnis zu seiner „problematischen Kirche“.
Mehr als 50 Jahre später hat sich der hier angedeutete Zwiespalt angesichts der aktuellen gesellschaftlichen und strukturellen Umbrüche in den christlichen Gemeinden weiter ausgebreitet, ja noch deutlich verstärkt.
Die allgegenwärtige Volkskirche, welcher der Quickborner Dirks erlebte, ist ebenso passé wie das katholische Milieu, dem der Arbeitersohn entstammte.
Die Fremdheit kirchlicher Sprache und Riten, ihrer Ämter und Hierarchien scheint konfessionsübergreifend vor allem für junge Menschen heute kaum mehr vermittelbar, und scheint nicht nur für diese weiter an Interesse und Bedeutung zu verlieren.
Aber auch wir tragen unsere eigene Version des leidigen Doppelthemas von Resignation und Engagement, von Enttäuschung und Hoffnung, von Zorn und Zuneigung in uns. Nicht zuletzt deshalb, weil unsere Not mit der Kirche ja immer auch die Not mit uns selbst, mit unserem eigenen Christsein mit einschließt. Diese Spannung bleibt  keineswegs äußerlich; es ist die Grenze zwischen Liebe und Verweigerung, zwischen Glaube und Unglaube, die mitten durch uns selbst hindurch läuft.

2014/15 - MEDIEN MACHT MEINUNG - Rainer Nübel

Der Satz ist Standard: Wir leben in einer modernen Mediengesellschaft. Die Bürger erfahren die Welt, global oder regional, primär durch Zeitung, Fernsehen, Rundfunk oder Internet, bilden sich so ihre Sicht und Meinung von Realität.

Doch das ist nur die eine Wahrheit.

Was die hintergründige Kenntnis über Medien angeht, lebt die Mehrheit der Bevölkerung noch fast in der Steinzeit. Nur ein kleiner Teil - medienerfahrene Macher aus Politik, Wirtschaft und öffentlichem Leben -  wissen genau um die Spielregeln, das Innenleben, die Geheimnisse, Tricks und Kniffe der Presse, beherrschen die Klaviatur der medialen Inszenierung. Dagegen kennen viele Menschen, insbesondere junge, nicht den elementaren Unterschied von Nachricht und Meinung. Auch deshalb, weil immer mehr Medien selbst die Grenzen verschwimmen lassen. Und weil Medien von anderen Gewalten zwar gerne Transparenz einfordern, in eigener Sache aber oft merkwürdig verschlossen sind.

2015/16 - Ernährung – unser Umgang mit dem täglich Brot - Dr. Melanie Lukas

Mehr und mehr Menschen machen sich Gedanken über ihre tägliche Ernährung. Viele achten auf Zusammensetzung oder Herkunft der Lebensmittel. Andere lassen sich dabei vom eigenen Gesundheitsbewusstsein oder den ethischen Maßregelungen leiten. Ernährungsstile werden zu Trends tituliert, wie es aktuell beim Veganismus, Clean Eating oder Paleo passiert. Ernährung ist nicht nur Essen, sondern auch Lebensstil und möglicherweise Abgrenzungsmerkmal. Doch auch die andere Seite der Medaille offenbart sich schnell. Diesen Trends zum bewussteren Konsum stehen hohe Konsumraten, hohe Anteile an Lebensmittelabfällen oder die extrem niedrigen Lebensmittelpreise entgegen. Ein großer Teil der Gesellschaft konsumiert Nahrungsmittel als immer verfügbares und möglichst günstiges Gut. Parallel dazu wachsen die Zahl der Übergewichtigen und der Anteil an ernährungsassoziierten Krankheiten kontinuierlich.

Ernährung ist zu einem komplexen Feld geworden – in einer Gesellschaft, die nicht über die Grundversorgung nachdenken muss, sondern über die Vermeidung von Überschüssen. So ist es heute schwieriger denn je, die „richtigen“ Entscheidungen zu definieren oder diese gar zu treffen. Und genau an dieser Stelle will die Tagung anknüpfen. Gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern soll erarbeitet werden, welche Entscheidungen im Ernährungsalltag wichtig sind und welche Maßnahmen möglichst einfach die Möglichkeiten der eigenen Gestaltungsfreiheit erhöhen. Gleichzeitig soll den Teilnehmerinnen und Teilnehmern verdeutlicht werden, wie komplex Wertschöpfungsketten zur Erzeugung von Lebensmitteln sind und dass Veränderungen häufig sehr vieler kleiner und großer Entscheidungen bedürfen, sowohl im privaten Haushalt, als auch beim Großverbraucher. Damit soll ihnen fundiertes Hintergrundwissen über den eigenen Konsum von Lebensmitteln, aber auch über deren Produktion vermittelt werden.

Außerdem soll thematisiert werden, dass Ernährung nicht nur Nahrungszufuhr bedeutet, sondern die Kultur beeinflusst, sowie auf die Kultur der Ernährung selbst einwirkt. Daraus ergeben sich weitere Aspekte und Fragen: Welche Ernährung ist die „Beste“ für mich? Welche Auswirkungen haben die Konsumentscheidungen? Wie kommen Ethik und Ernährung zusammen?

2016/17 - Wissenschaft und Religion - Dr. Patrick Becker

Glauben ist nicht Wissen, sagt man. Ist nun Religion nur die Vorstufe der Naturwissenschaft, ein Relikt aus der Vergangenheit für unaufgeklärte, primitive Kreise, das heute überwunden werden muss? Übernatürliche Erklärungen, Offenbarungen und Wunder werden heute abgelehnt und in den Bereich des Irrationalen und subjektiven Glaubens verwiesen. Demgegenüber wird ein objektives Wissen gestellt, das die Naturwissenschaften mittels ihrer empirischen Methoden erzeugen. Die (katholische) Kirche scheint in ihrer Geschichte von den Naturwissenschaften ausgebremst worden zu sein: Der 500 Jahre alte „Fall“ Galileo Galileis dient als Symbolfigur für die Wahrheitsliebe der Naturwissenschaften und der Fortschrittsfeindlichkeit der katholischen Kirche. Zunehmend scheinen sich naturwissenschaftliche Erkenntnisse und christliche bzw. allgemein religiöse Aussagen zu widersprechen: Entstand die Welt zufällig oder aus dem Entschluss Gottes? Kann die weitere evolutive Entwicklung als blindes erbarmungsloses Geschehen beschrieben werden, wie es der Nobelpreisträger Jacques Monod behauptete? Ist der Mensch ein Zufallsprodukt? Ist sein Geist ein vorherbestimmtes Abfallprodukt des Gehirns ohne jeden Eigenwert? Gibt es das „Ich“ des Menschen gar nicht, wie zahlreiche Neurowissenschaftler unserer Tage behaupten? Lehrt uns der Blick in den Himmel nur die Leere des Kosmos und Verlassenheit des Menschen, wie Stephen Hawking erklärt?

„Religion ist Opium fürs Volk“, schrieb Karl Marx schon 1844, kritisierend, dass der Mensch die Religion mache und nicht die Religion den Menschen. Ist Religion ein evolutionsbiologischer Trick, um den Menschen fit zu machen im Kampf ums Überleben, der heute überwunden ist? Doch kann Religion wirklich auf ihren innerweltlichen Nutzen  reduziert werden? Können religiöse Erfahrungen, die Hoffnung auf ein Jenseits, der Glaube an mehr als Messbares wirklich als sinnlos abgetan werden?

Viele unter uns erfahren in ihrem täglichen Leben eine bemerkenswerte Trennung: Der Blick auf die Alltagswelt erlaubt nur den Schluss, dass alles, was uns begegnet, rational erklärbar geworden ist. Wir bewegen uns sicher in der Verwendung aller technischen Erfindungen, die uns naturwissenschaftliches Denken ermöglicht hat. Daneben stehen unsere ethischen und religiösen Gefühle. In Kirche und Gemeinschaft, in Gebet und Kontemplation erfahren wir eine Gottheit, der wir uns anvertrauen, die unser Leben begleitet. Bemerkenswerter Weise ergibt sich für viele Menschen ein Nebeneinander von Religion und Alltagswelt. Beide wissenschaftlichen Ansätze zur Erklärung der Welt, Naturwissenschaften und Theologie, existieren parallel und bieten unterschiedliche Erkenntnisse auf unterschiedliche Fragen unseres Seins an. Noch vor Jahrhunderten waren den Menschen viele natürliche Phänomene fremd. Viele sahen in der Natur und in menschlichem Handeln göttliches Wirken für zwingend erforderlich und gegeben an. Die Naturwissenschaften haben jedoch mittlerweile Schritt für Schritt die Welt immer weiter und tiefergehend erforscht und erklärt, dringen in alle Winkel unserer Welt, in den Weltraum und bis ins innerste der Materie vor. Religiöse Erklärungen wurden vielfach verdrängt bzw. mussten aufgegeben werden. Dadurch haben sich unser Bild von Gott und das Bild vom Menschen gewandelt.

In unserer heutigen Welt steuern beide Denkansätze wieder direkt aufeinander zu, da technische Errungenschaften, wie die Gentechnologie oder Atomwaffen, durch die Gesellschaft mit ethischen Gesichtspunkten bewertet und dabei religiöse Erfahrungen und Maßstäbe mit herangezogen werden.

2017/18 - Leben wir, um zu arbeiten oder arbeiten wir, um zu leben? - Norbert Kremser

Die im Titel der Silvestertagung gestellte Frage lässt sich in einem ersten Anlauf schnell beantworten. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass eine mögliche Antwort von vielen Faktoren abhängt. Und vielleicht gibt es ja auch gar nicht die eine, sondern es zeigen sich viele Antworten.

Auf jeden Fall stellt sich auch die Frage, von welcher Arbeit wir reden. Denn die Arbeitswelt befindet sich in einem radikalen Wandel, der die Generationen unterschiedlich betrifft. Und: das bedingungslose Grundeinkommen spielt dabei eine wichtigere und andere Rolle als gemeinhin angenommen.

Der Blick auf die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen der modernen Gesellschaft bringt das Stichwort „burnout“ hervor. Es wird bei der Tagung nach den Gründen dafür, sowohl im individuellen wie auch im gesellschaftlichen Bereich, gesucht. Das ermöglicht eine Sicht, die das Thema Erschöpfung als umfassenderes Phänomen erkennen lässt. Ergänzt wird dieser Blick durch einen anderes, weniger bekanntes Wort: „boreout“.

Bei der Suche nach möglichen Auswegen stoßen wir auf das Thema „Entschleunigung“. Worum geht es aber dabei? Ist es einfach nur das Gegenteil der allgegenwärtigen Beschleunigung oder vielleicht mehr, etwas ganz anderes? Und welche Sehnsucht drückt sich über einen solchen Begriff aus? An dieser Stelle kann auch ein Blick in die Bibel aufhorchen lassen. Vielleicht finden sich dabei überraschende Einsichten, zumindest aber Anhaltspunkte für ein „gutes“ Leben. Und schließlich kann das Bild des Hamsterrades nicht nur erschrecken, sondern sogar eine Hilfestellung sein.

Das Ganze fließt dann in das Thema „Achtsamkeit“ ein. Und die meint mehr als nur einfach Übungen zu vollziehen, die dem Ausgleich dienen oder die Arbeitsfähigkeit (wieder) herstellen sollen. Was hat Achtsamkeit mit uns, mit mir und mit unserer Gesellschaft zu tun? Und wo führt sie hin? Kann Achtsamkeit so etwas wie eine Lebenshaltung sein oder werden? Hinweise und „Tipps“, persönliche Handlungsweisen runden das Thema schließlich ab.

Insgesamt kann bei der Tagung deutlich werden, dass es nicht um äußere „Kosmetik“ geht, die dem Vorhandenen nur etwas hinzufügt oder wegnimmt, sondern dass es um grundlegende Veränderungen in der Haltung und im Verhalten geht. Und diese haben nicht nur Auswirkungen auf die eigene Person, sondern ebenfalls auf die Um- und die Mit-Welt. Es geht um Lebens-Gestaltung, die über das einfache Über-Leben hinausgeht.

Silvestertagung

(Christopher Maaß)

Die Weihnachtsfeiertage sind vorbei, es ist der 28. Dezember, ich bin zur Silvestertagung auf die Burg Rothenfels eingeladen. Neugierig, gespannt und ein wenig aufgeregt betrete ich zum ersten Mal die Burg. Ein eigentümlicher Zauber umfängt mich: Lachende Gesichter, von allen Seiten ein „Hallo!“, eine offenherzige und starke Gemeinschaft empfängt mich.

Generationsübergreifend, ökumenisch, sprudelnd und in bunter Vielfalt erlebe ich ein Begegnungs-Abenteuer mit Tiefgang: Inhaltliche Vorträge und Diskussionen, Kreativkreise, angeboten von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, in denen kleine Kostbarkeiten entstehen oder zum kreativ Werden eingeladen wird, Meditationen und Gottesdienste, aufwändig inhaltlich und musikalisch gestaltet; dazwischen der Besuch im selbstorganisierten Burgcafé und abends Zeiten der Begegnung und Ausklang im Keller.

Legendär sind die abendliche Märchenstunde, an denen schon längst nicht mehr nur Kinder teilnehmen und der Jahresausklang in der Kapelle, an dessen Ende Dietrich Bonhoeffer steht: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“

Das Format hat sich über Jahrzehnte bewährt. Jahr für Jahr füllen ca.250-300 Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis zum 4. Januar die Burg, setzen sich mit verschiedenen kirchlichen, religiösen und gesellschaftlichen Themen auseinander und lassen sich inspirieren. Viele engagieren sich, fassen mit an und bringen ihre Talente ein; so ermöglichen sie diese Vielfalt.

Für viele Quickborner ist die Silvestertagung auf der Burg Rothenfels Höhepunkt des Jahres. Das Wiedersehen der bekannten Gesichter mischt sich dabei mit der Freude und dem herzlichen Willkommen der neuen Gesichter.