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Hundert Jahre „Quickborn-Lieder“ / „Der Spielmann“

By 11. Juli 2014 Januar 5th, 2017 No Comments

Von Meinulf Barbers
(Bericht aus der Burgzeitung – S. 18-22 – hier herunterladen >>klick<<)

Ab 1909 bildeten sich – zunächst in Neiße in Oberschlesien, in Wertheim und Frankfurt am Main und in Paderborn – Zirkel abstinenter höherer Schüler. Ab 1913 gab Bernhard Strehler die Zeitschrift „Quickborn“ heraus. Diesen Namen wählte dann die junge Gemeinschaft, der ab 1913 auch Mädchen angehörten. Das Zusammenwachsen des Bundes erleichterte auch das von Clemens Neumann am 20. Juli 1914 herausgegebene Liederbuch „Quickborn=Lieder“. Schon in seinem Heimatstädtchen Tütz in Westpreußen hatte der Lehrer dem am 26.11.1873 geborenen Clemens Neumann die Geige in die Hand gedrückt. Als Clemens 14 Jahre alt war, brachte ihn sein Vater in die Schule der Herz-Jesu-Missionare in Antwerpen. Als Auszeichnung für einen guten Schüler kam er dann in das College Chezal Benoit bei Issoudun in Frankreich. Hier konnte er sein besonderes Interesse für die Natur, für Religiosität und Kunst, besonders das Geigenspiel, weiter ausbauen. 1892 verließ er die Schule, weil er später nicht in den Missionsgebieten wirken wollte. Sein Schulleiter schrieb ihm zum Abschied: „Leb wohl, mein lieber Musikante!“

Er legte die Abiturprüfung in Deutsch-Krone ab, studierte Katholische Theologie in Breslau und wurde dort 1899 zum Priester geweiht. Nach drei Jahren Kaplanstätigkeit in Liegnitz wurde er an das Realgymnasium in Neisse berufen, wo er – nach der Staatsprüfung für das Höhere Lehramt in Französisch, Hebräisch und Religionslehre – diese drei Fächer unterrichtete. Hier in Neisse und darüber hinaus konnte er in engem Einvernehmen mit Bernhard Strehler und Hermann Hoffmann seine Begabung zur Freundschaft und seine Kunst, Menschen zu gewinnen und an sich zu ziehen, besonders ausbauen. Als Priester, Lehrer und Jugendbildner hat er durch seine Art, auf Menschen zuzugehen, und seine Musik ungezählte Menschen in Schule, Kirche und Jugendbewegung erfreut und bereichert. Er trug in besonderer Weise das Musische in den Quickborn und führte dort neue Formen von Festen, Spielen und Feiern ein. Er engagierte sich auch mit Bernhard Strehler im „Heimgarten“ in Neisse, der so ab 1913 / 1914 zu einer bedeutenden Bildungsstätte, Volkshochschule und einem Begegnungszentrum für junge Polen und Deutsche ausgebaut werden konnte. Hubert Jedin skizzierte Bernhard Strehler und Clemens Neumann: „Der Willensmensch Strehler zwang in seinen Bann, der musische Neumann riß mit. Wenn er mit leuchtenden Augen in die Saiten seiner Laute griff und mit seinem tiefen Baß ein Volkslied anstimmte, waren die Jungen und Mädchen wie verzaubert.“

Nach dem Kauf von Burg Rothenfels durch den „Verein der Quickbornfreunde e.V.“ am 21. Februar 1919 ließ Neumann sich ein halbes Jahr beurlauben, um mit freiwilligen Helfern die Burg für den Ersten Deutschen Quickborntag im August 1919 vorzubereiten. Und er reiste unentwegt durchs Land, warb und spielte für den jungen Quickborn, im Gepäck immer den Spielmann und seine Geige, und setzte sich auch für die Abstinenz- und die Friedensbewegung ein. Mit vielen Quickbornern wanderte ihr „Spielmann“ 1926 durch Frankreich zum Internationalen Friedenskongress der Jugend, zu dem der französische Pazifist Marc Sagnier für den August 1926 nach Bierville bei Paris eingeladen hatte. Es ist dokumentiert, wie Neumann vor der großen Festversammlung auf der Geige spielte; er hielt dort auch einen Vortrag über das deutsche Volkslied. Nach zwei Schlaganfällen zur Jahreswende 1927 / 1928 starb Clemens Neumann all zu früh – mit gerade 55 Jahren – am 5. Juli 1928. Auf seinem Grabstein in der Jakobskirche in Neisse steht über dem Sonnenkreuz des Quickborn: „Besonders danke ich Gott für zwei Dinge: Daß Gott mich zum Priestertum berief und daß er mir gab, unter der Jugend froh zu sein.“ (Der Seligsprechungsprozess für Clemens Neumann ist eingeleitet.)
„Zum Geleit.“ für sein Liederbuch „Quickborn=Lieder“ schrieb Clemens Neumann „Neisse, im Juni 1914“:

Quickborn! Im schattigen deutschen Wald unter grünem Moos quillt er hervor. Vogelsang und Blätterrauschen mischen sich in sein Gemurmel. Ein ganzer Frühling grünt und blüht umher. Dort hält der Wanderer gerne Rast und trinkt vom erquickenden Quell
Dieses Büchler soll ein geistiger Quickborn für unsere Jugend werden…“

Er verweist dann auf andere gute Liederbücher, die die „neue Wanderbewegung“ hervorgebracht habe, hebt aber zwei Vorzüge seines Liederbuches hervor: Nicht alles, was volkstümlich ist, ist deswegen schon geeignet, von der Jugend gesungen zu werden. Sodann ist es ein Liederbuch, in dem grundsätzlich alles abgelehnt wird, was auf eine Verherrlichung des Trinkens hinausläuft. Neumann bezeichnet sein Liederbuch als einen ersten Wurf, bittet um weitere Anregungen und weist darauf hin, dass die „Quickbornlieder für die reifere Jugend bestimmt“ seien, während für „die jüngsten…ein besonderes Liederbüchlein – ohne Noten und zu ganz billigem Preise – herausgegeben“ wurde. Und er schließt:

Und wenn ihr singt, denkt stets auch an die Worte, die ihr singt. Wort und Ton müssen übereinstimmen in Stärke, Bewegung und Stimmung. Oft verlangt jede Strophe ihren besonderen Vortrag! Frisch auf zum fröhlichen Singen!

Das Buch bringt auf den Seiten 7 („Lobt froh den Herrn, ihr jugendlichen Chöre…“) bis 193 / 194 („Kann schienern Baam gibt’s wie den Vugelbärbaam…“) Melodien und Texte von alten und neueren Volksliedern unter den Kapitelüberschriften „Ein Sträußchen zu Gottes Ehr‘“, „In Gottes schöner Natur“, Aus des Lebens Lust und Leid“, „Zum Abschied“, „Den Weg entlang“, „Am Abend“, „Mit Waffen, Waid- und Werkgesellen“, „Fröhlicher Kampf“, „Heimat und Vaterland“, „Aus alten Zeiten“, „Schnaken und Schnurren“; beigefügt ist dann noch ein Anhang mit 70 Liedtexten – ohne Noten -, dem – mit Noten – das von Clemens Neumann zu einem Text von Franz Fritsch komponierte Quickbornlied2 vorangestellt ist.

Das Liederbuch wurde gut angenommen, 1915 erschien zunächst ein Ergänzungsheft, 1918 die zweite Ausgabe, durch den Ersten Weltkrieg bedingt ohne Noten (wie Klemens Neumann3 begründet: „weil eine andere augenblicklich nicht möglich oder doch für unsere Kreise viel zu teuer geworden wäre. Dieses Kriegsbuch hat auch seinen Wert…“. Ab 1919 erschien die dritte gründlich überarbeitete Auflage dann schon unter dem endgültige Namen „Der Spielmann, Liederbuch für Jugend und Volk“. „Der Spielmann“ wurde nun im „Verlag Deutsches Quickbornhaus – Burg Rothenfels am Main“ verlegt und der Verkaufserlös für Ankauf und Ausbau von Burg Rothenfels und andere Zwecke der Jugend verwendet. Im Vorwort zur vierten Auflage 1922 schrieb Klemens Neumann im Advent 1922:

Der Spielmann erscheint in der vierten Auflage äußerlich ganz neu. Anton Wendlings5 schlichtherbe Kunst hat ihm das neue Gewand gegeben. Aber auch inhaltlich hat er eine starke Umarbeitung erfahren. Viele Lieder sind in der vierten Auflage gestrichen worden, doch nur solche neuerer Art, die mehr gemacht, nicht gewachsen waren. An ihre Stelle traten in größerer Zahl Lieder aus dem 15., 16. Und 17. Jahrhundert, der Blütezeit des deutschen Volksliedes…. Einen vollständig neuen Teil stellen die geistlichen Lieder dar. Professor Dr. Hermann Müller, Paderborn, einer der besten Kenner des katholischen deutschen Kirchenliedes, hat ihn besorgt. Überall ist er, das gilt für Text und Weise, auf die älteste erreichbare Form zurückgegangen, die in den weitaus meisten Fällen zugleich die beste ist…

„Geistliche Lieder“ werden zunächst mit 47 Titeln, dann mit beinahe 90 Titeln aufgenommen.

Die reformatorischen Absichten sind mehr als deutlich. Der interessanteste Vorgang ist, dass Mystiker wie Angelus Silesius. und Johannes Tauler. aufgenommen wurden, dass der fromme Barocklyriker Friedrich Spee von Langenfeld mit mehreren Liedern vertreten ist und in späteren Auflagen auch der protestantische Kirchenlieddichter Paul Gerhardt …zu finden ist … .

Die fünfte Auflage erscheint – weitgehend unverändert – 1924; für die Auflage 1928 werden etwa 80 Lieder neu aufgenommen, andere gestrichen. Zur Unterstützung des schwerkranken Klemens Neumann – der die Neuausgabe nicht mehr erlebte – arbeiten seine musikalischen Wegbegleiter aus dem Quickborn Nini Dombrowski8 und Franz Liebich9 mit, die dann bis Ende der fünfziger Jahre die Herausgabe und Redaktion der Folgeauflagen übernehmen. Ab 1930 erscheint der Spielmann im Matthias-Grünewald- Verlag Mainz; bis zu seiner letzten Auflage, der 22., im Jahre 1978. Die graphische Gestaltung übernahm 1930 der Frankfurter Holzschneider und Grafiker Walter Clemens Schmidt.

„Der Spielmann“ trug mit dazu bei, dass Rothenfels „die singende Burg“ wurde. Mit vielen Instrumenten begleitet erklangen immer wieder die alten und neuen Lieder – auch in vielen Singewochen wie z.B. vom 1. bis 8.Mai 1925 im Heimgarten in Neisse10 mit Walter Hensel. Und viele Beiträge in den Quickbornzeitschriften und Gaublättern erörtern Grundfragen. Ein Beispiel von 1922 mit dem Titel: „Wie wir Frau Musika huldigen wollen.“

Das Volkslied und seine Pflege ist uns zur freudebringenden, lieben Aufgabe geworden. Wir wollen es aber noch mehr schätzen, verstehen und – suchen lernen… Ja, diesen kostbaren Schatz zu finden und zu heben, muß man tief und aufmerksam graben! Halten wir Aug und Ohr offen, wenn wir wandern! …Wie werden die Bauernleute sich freuen,wenn sie ihre Lieder schön unter Fiedel- und Klampfenbegleitung singen hören, wie kräftig werden sie mit lachenden, dankbaren Augen mitsingen.

Nini Dombrowski und Franz Liebich stellten der 10. Auflage 1947 u.a voraus:

… der ‚Spielmann‘ wurde als bahnbrechend in der musikalischen Jugendbewegung anerkannt und sein Herausgeber im Kreise der kundigen Volksmusiker wie Hans Breuer13, Fritz Jöde, Walter Hensel u.a. genannt… Doch nie hätte der ‚Spielmann‘ so lebendig werden können, wäre Professor Neumann nicht der Spielmann gewesen, der mit so bezwingendem Frohsinn und echter Lebensfreude unter der Jugend stand. Wieviel Lebensfreude und gottselige Begeisterung ist von der jauchzenden Fiedel des Spielmanns Klemens Neumann ausgegangen! Wenn er mitten unter der jungen Schar stand und zu Lauten- und Klampfenspiel die alten frohen und ernsten Lieder spielte, oder zu Volkstänzen und Reigen auf bunter Maienwiese aufspielte, dann leuchteten seine frohen Augen und ein Glanz ging über sein Gesicht – weder jung noch alt konnte widerstehen, in dem Rhythmus der von ihm ausgehenden Lebensfreude mitzuschwingen.‘ In solch frischfroher und doch ehrfurchtsvoller Zartheit wurden die Lieder der Jugend überbracht; so mußten sie Einklang finden und tief wurzeln im Herzen des Volkes. Deshalb ist das Vermächtnis, das uns Klemens Neumann mit dem ’Spielmann‘ gemacht, mehr als das bloße Geschenk der Lieder an sich; wir empfingen sie im Duft und Schmelz ihrer köstlichen Wesenhaftigkeit. Die Art, wie Klemens Neumann die Lieder zum Klingen brachte, ließ sie erst lebendig werden, ließ sie aufjauchzen oder still besinnlich sein – so wie es der Seele eines jeden Liedes entsprach.

Ein Mitarbeiter von Klemens Neumann im Heimgarten, Erich Reisch15, stellte uns in der Woche nach Ostern 1984 den „Spielmann vor „als das lebendigste, kostbarste und geformteste Singbuch der Jugendbewegung vor, dessen Lieder erst in tausend Herzen gesungen und dann erst ins Buch geschrieben wurden.“

Erich Reisch hatte 1928 für das Gaublatt der älteren Quickborner in Schlesien geschrieben:
Von Neumann konnte man sagen: Er hob seine Augen auf und sah und ließ andere sehen im Tag die Ewigkeit und in der Natur die Ahnung des Himmels. Um ihn herum war immer etwas Feiertägliches. Niemand konnte sich dem entziehen, der in seine Nähe kam. Man wurde sorglos im franziskanischen Sinne. Er wußte, dass der homo ludens ebeso wesentliches Menschsein bedeutet wie der homo cogitans und der homo agitans. Cantare est amantis, Singen ist Sache des Liebenden. Neumanns Leben ist eine vollendete Variation zu diesem Augustinus- Wort. Er war ein wahrhaft Singender, weil er Gott liebte, Gottes Welt und Gottes Menschen.

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