Tagungsberichte

Von guten Mächten wunderbar geborgen – Silvestertagung des Quickborn 2019/2020

Von guten Mächten wunderbar geborgen - 52. Silvestertagung des Quickborn 2019/2020 auf Burg Rothenfels

Rothenfels am Main. Zum Jahreswechsel 2019/2020 hatten sich ab dem 28. Dezember auf Burg Rothenfels im Spessart an die dreihundert Menschen aller Generationen zur 52. Silvestertagung des Quickborn-Arbeitskreis eingefunden. Bei der Eröffnung der einwöchigen Tagung im Rittersaal der mittelalterlichen Burganlage wurden die neuen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die erstmals zu einer Silvestertagung angereist waren, von der Silvestertagungsgemeinde mit Applaus bedacht und in ihrer Mitte willkommen geheißen. Die meisten Quickbornerinnen und Quickborner haben eine jahrzehntelange Tradition als Burgfahrer. Vom Sprecherteam der Erwachsenen leitete im Namen der beiden Sprecherteams Dr. Felix Zacher aus Moosburg durch den Eröffnungsabend, an dem auch der Referent der Tagung, Dr. Lazaros Miliopoulos, vorgestellt wurde.

Der Politikwissenschaftler Miliopoulos, der an der Universität Bonn lehrt, skizzierte die Inhalte seiner Referate zum Tagungsthema. Während der Woche stand die Auseinandersetzung mit Populismus im Fokus. Die Schwerpunkte des Experten liegen in den Bereichen Religion und Politik, Extremismus und Parteienforschung. Als ausgewiesener Fachmann vermochte Miliopoulos es, die vielen Facetten von links- und rechtsextremistischem Populismus in fünf Impulsreferaten und mehreren Abendplenen über die Woche verteilt anschaulich zu erläutern. Die Referate dienten als Grundlage für Gespräche, zu denen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Vormittagen in mehreren Gesprächsgruppen und methodischen Arbeitskreisen einfanden.

Wie seit vielen Jahren zog auch bei dieser Tagung das bewährte Konzept, in dem sich Einzelne für die Gemeinschaft einbrachten. An den Nachmittagen gab einen bunten Reigen an Arbeitskreisen. Im Angebot waren unter anderem Yoga, Astronomie, Skatspiel, Stricken, Nordic Walking, digitale Bildbearbeitung, Sprechtraining und Aquarellmalen. Zudem gab es einen Vortrag über eine Marokkoreise von dem langjährigen Tagungsteilnehmer Eberhard Hirner aus Bergisch Gladbach und ein klassisches Gitarrenkonzert mit dem in der Schweiz lebenden Gitarristenduo Hannah Biermann und Roger Schütz. Der in Münster wohnhafte Dietmar Schüwer, Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, referierte in einem gut besuchten Vortrag über den Youtuber Rezo und die „Klimakrise im Faktencheck“. Über seinen Einsatz in Ost-Timor im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes berichtete der aus Essen stammende Jakob Platzbecker.

Ein großes Auditorium versammelte sich zu einem Vortrag über Nordkorea im Rittersaal. Die in Ludwigshafen beiheimatete Familie Peschka berichtete von ihrer Reise in das abgeschirmte Land der Militärdiktatur von Kim Jong-un. In dem Vortrag berichtete Benjamin Peschka unter anderem von der Rolle des „ewigen Präsidenten“ Kim Il-sung, der über seinen Tod hinaus als De-jure-Staatschef Nordkoreas gilt.  Die Präsentation kam bildgewaltig daher.

Die Tagung war getragen von vielen Freiwilligen, die sich einbrachten. Sei es bei der Kinderbetreuung, als Gesprächskreisleiter, Waffelbäcker für das Café im Amtshaus oder als Sprecherteamsmitglied. Letztere betrieben im Westpalas ein Tagungsbüro. Dort wurden Medien verliehen, Tagespläne erstellt und die Fäden für die Gesamtorganisation gezogen. Für ein ehrenamtlich wirkendes Team ist es eine immense Leistung, eine Tagung dieser Größenordnung zu stemmen. Den Akteuren kann nicht genug gedankt werden.

Eingerahmt war der Tageslauf von Morgen- und Abendmeditationen in der Burgkapelle, die jeweils von engagierten Kräften vorbereitet wurden. Neben dem Altar war eine neue Kirchenglocke ausgestellt. Nach der Tagung findet sie fortan ihren Platz im Giebel des Ostpalas. Die Glocke trägt eine Inschrift: 100 Jahre Vereinigung der Freunde von Burg Rothenfels. Michael Delakowitz aus dem badischen Hohberg hatte sich während der Tagung dafür stark gemacht, Tagungsteilnehmer als neue Mitglieder des Trägervereins der Burg zu gewinnen. Im Vorjahr waren es mit Unterstützung des Düsseldorfers Norbert Keusen beachtliche 27 Neumitgliedschaften, was anspornte, weiter die Werbetrommel zu rühren. Im Januar 2020 konnte sich der Schatzmeister der Vereinigung der Freunde von Burg Rothenfels, Norbert Keusen über die Nachricht freuen, dass weitere 21 neue Mitglieder geworben wurden. Das ist sehr beachtlich. Michael Delakowitz hatte sich in den zurückliegenden Jahren auch in weiteren Burgkreisen als „Schwarzmahler“ einen Namen gemacht. Dass alle Tagungsteilnehmenden auf gestrichenen schwarzen Stühlen im Rittersaal Platz finden konnten, ist seiner Initiative zu verdanken. Seine Frau Renate Delakowitz gestaltete am vorletzten Abend federführend ein Taizé-Gebet. Die Meditationen mit Gesängen der Bruderschaft in Burgund haben während der Tagung mittlerweile eine lange Tradition.

Religiös zentrale Punkte im Tagungsgeschehen sind die Gottesdienste an den Nachmittagen. Sie wurden inhaltlich und musikalisch von engagierten Menschen vorbereitet und gestaltet. Wenn zwanzig Instrumentalisten den Rittersaal mit Klängen füllen und dazu neue geistliche Lieder gesungen werden, ist das für die allermeisten ein besonderes Erleben von Kirche. Jan Aleff, der im Sommer zum Priester geweiht wurde und aus den Reihen der Quickborner stammt, leitete eine der Eucharistiefeiern. Dass er das Hochgebet singend betete, faszinierte viele und wird lange in Erinnerung bleiben. Pfarrer Emerich Sumser aus Hohberg begeisterte bei einem weiteren Gottesdienst nicht nur die Kinder mit seinem Gesprächspartner, einer Puppe. Er brachte sie mit seiner Fähigkeit als Bauchredner zum Sprechen.

Kinder und Jugendliche fanden auf der Burg viele Gleichgesinnte. Die Abende im Fahrradkeller, der zum Partyraum umfunktioniert wurde, waren für viele lang und redselig. Die Erwachsenen fanden an den Abenden Geselligkeit im Amtshaus-Keller mit regionalem Wein aus der Bocksbeutel-Flasche. Zur mittlerweile legendären Ladys-Night kamen am 2. Januar des nachts feucht fröhlich Jung und Alt im Partyraum zusammen. Die beiden Organisatorinnen, Esther Zacher aus Moosburg und Dr. Bärbel Peschka aus Bonn, luden die Anwesenden ein, selbstkreierte Gedichte vorzutragen. Für alle Vortragenden gab es jubelnden Applaus. Der in Wien studierende Jan-Lukas Henn zeigte sich beim Reimen besonders talentiert. Er verarbeitete in seinen Versen sämtliche Namen der beiden Sprecherteams auf kunstfertige Weise.

Ein Geheimtipp waren die Lagerfeuerabende mit Johannes Uhl aus Hohberg. Am Rande der Reigenwiese versammelte sich allabendlich eine Handvoll Leute, die im Schein der lodernden Flammen gemeinsam Lieder sangen. Martin Johannimloh aus Paderborn spielte auf seiner Klampfe Pfadfinderlieder und Lieder aus dem alten Quickborn-Liederbüchlein Der Spielmann. Dass sich ein junger Mensch mit solch altem Liedgut befasst und Traditionen hoch hält, ist erwähnenswert.

Gut betreut wurde die Tagung durch Burgwart Steffen Krummhaar mit seinem Team und die Frauen in der Burgküche, die für das Essen sorgten, sowie durch die Mitarbeiterinnen in der Hauswirtschaft, die im Hintergrund wirkten. Die Sorge um das Wohl der Burggäste darf man als vorbildlich bezeichnen. Auch Anja Schmidt war eine zentrale Anlaufstelle. Sie leitet die Burgbuchhandlung, in die sich viele an den Nachmittagen gerne auf einen Kaffee zu Gesprächen zurückgezogen hatten.

Am 1. Januar fand die jährliche Mitgliederversammlung des Quickborn-Arbeitskreises statt. Unter anderem berichtete Bettina Herbst vom Vorstand der Vereinigung der Freunde von Burg Rothenfels über anstehende Baumaßnahmen am altehrwürdigen Gemäuer. Den Antrag über die Einführung des Amtes für einen geistlichen Beirat zu moderieren oblag Christopher Maaß aus Berlin. Es entbrannte eine quickborn-typische langwierige Diskussion mit 200 Menschen über Formulierungen in einer entsprechenden Aktualisierung der diesbezüglichen Passage in der Satzung des Quickborn-AK.

Insgesamt zog sich eine ausgezeichnete Stimmung durch die Tagung. Für viele ist die Silvestertagung eine Gelegenheit, Freunde wiederzutreffen. Manche kamen als Kleinkinder zur Burg und sind heute Eltern und gar Großeltern. Manche Familien umfassten drei Generationen. Die Silvestertagungen sind für etliche Familien somit immer auch Familientreffen.

Die Tagung bot treffliche Anlässe zum Feiern. Am Silvesterabend gab es eine gespielte Fernseh-Live-Übertragung mit Publikumsbeteiligung im Rittersaal, in der Familie Bellinghausen aus Köln eine tragende Rolle spielte. Gregor und Annette mimten mit ihren Söhnen Tobias und Simon einen Fernsehabend im Familienkreis. Für das Drehbuch und die Regie zeichneten sich Blanca Zacher aus Moosburg und Fionula Herbst aus Aachen verantwortlich. Es war auch bei dieser Tagung eine Wonne zu sehen, wie viele kreative Köpfe die Burg hervorgebracht hat und immer wieder aufs Neue junge Menschen fordert und fördert, aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Anschließend wurde im Pfeilersaal getanzt und gelacht.

Die vielen Kinder aller Altersgruppen waren gut versorgt. Kinder bis acht Jahren besuchten die Kinderbetreuung mit Ingrid Lüning und Pauline Enquist. Die bis 13-Jährigen hatten ausgiebig Spaß mit Matthias Werner. Den Gesprächskreis für Jugendliche leiteten Matilda Franz und Jan-Lukas Henn. Die abendliche Märchenstunde mit Viola Thiede war wie immer ein Renner. Seit vielen Jahren erfreuen sich nicht nur Kinder, sondern die längst der Kindheit entwachsenen Jugendlichen und selbst Erwachsene, darunter nicht nur Eltern, an den Märchen der Berlinerin.

Auch am Abschlussabend am 3. Januar wurde nach einem bunten Abend, an dem vieles zur Aufführung kam, was während der Tagung musikalisch einstudiert wurde, bis tief in die Nacht gefeiert. Als seit Mitte der achtziger Jahre liebgewonnene Tradition fehlte auch bei dieser Silvestertagung die Verleihung des Werner-Wander-Pokals nicht. Die von Tom Fedrau aus Bochum gefertigte begehrte Holz-Trophäe ist eine Auszeichnung für ein betonenswertes Einbringen Einzelner zum Gelingen der Tagung. Sie reist seither durch ganz Deutschland von Berlin nach Dresden, über Hohberg ins Ruhrgebiet, Richtung Hamburg und zurück. In diesem Jahr geht der Pokal nach Berlin. Hans Pich wurde geehrt, weil er sich professionell um die Gestaltung der Internetseite des Quickborn-AK kümmert und die Lieder für die Gottesdienste digital aufbereitet, so dass sie per Beamer an die Wand im Rittersaal projiziert werden können. Das spart Papier und Ressourcen.

Die stillsten Momente im Tagungslauf dürften die Minuten kurz vor Mitternacht zum Jahreswechsel gewesen sein. Harren auf den Anbruch eines neuen Jahrzehnts. Im Kerzenschein hatte sich die große Silvestertagungsgemeinschaft in der Burgkapelle zu einer Jahresabschlussmeditation versammelt. Dicht an dicht saßen sie, ein jeder mit seinen eigenen Gefühlen. Der Familie Winkler war im Jahreslauf der Ehemann, Vater und Großvater gestorben. Peter Winkler war viele Jahre Teil der Gemeinschaft. Andere freuen sich auf das, was das neue Jahr bringen wird. Julia und Philip Rau aus Remscheid erwarten ein Kind. Die Spanne der Gefühle war denkbar groß. Vereint sangen sie wie seit jeher zum Jahresausklang das vertraute Lied Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.

Sicher wäre noch vieles erwähnens- und berichtenswert. Vor allem hätten es viele weitere verdient namentlich genannt zu werden, was jedoch den Rahmen eines Tagungsberichtes sprengen würde. Viele wurden von ihrer Burg, den Begegnungen, dem Vertrauten und Neuen reich beschenkt. Die Namen sind im Tagungsheft verewigt. Manch einer verwahrt es sorgfältig, um irgendwann darauf zurückzugreifen, um eine Rufnummer herauszusuchen oder die Adresse für einen Oster- oder Weihnachtsgruß.

Wenn sie am nächsten 28.12. den Burghof betreten, wird es - auch wenn für den Einzelnen ein ereignisreiches Jahr dazwischen lag und die Erinnerung an die Burgtage dem Alltag wichen - sein wie eh und je: es ist, als wäre man gestern noch hier gewesen. Vielen ist die Burg Anker und Heimat. Ein Ort, an den man immer und immer wieder gerne zurückkehrt.

Ein Ort, der bleibt, auch wenn sich alles herum verändert.

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