Tagungsberichte

Gedanken eines Teilnehmers zur Silvesterwerkwoche „Digitalisierung und Ihre Folgen“

By Mai 22, 2019 Juni 9th, 2019 No Comments

Zum Jahreswechsel fand auf Burg Rothenfels die Silvesterwerkwoche des Quickborn AK zum Thema „Digitalisierung und ihre Folgen“ statt. Ich war einer derjenigen, die das Thema vor 2 Jahren vorgeschlagen hatten, angetrieben von der steigenden Bedeutung, die das Thema für mein persönliches und unser aller Leben und Erleben hat. Da durch die Digitalisierung von zahlreichen Lebensbereichen die Regeln unseres Lebens neu geschrieben werden, so mein Gedanke, sollten wir nicht nur Beobachter, sondern auch Gestalter dieser Veränderungen sein, um sicher zu stellen, dass unsere Werte sich in einer verändernden Welt wiederfinden.

Die Vorträge unserer zahlreichen Referenten waren nach unterschiedlichen Themen gegliedert: Nach einer Einführung, was Digitalisierung ist und warum sie bedeutend ist, diskutierten wir ihr Wirken auf Kommunikation, Wirtschaft und Kirche.

Digitalisierung und Kommunikation: Wandel

Kommunikation über Digitalisierung ist eine große Herausforderung. Es ist schwer sich mit jedem darüber auszutauschen. Menschen, die viel mit Digitalisierung zu tun haben, benutzen Begriffe und Wendungen, die es Menschen mit geringem Kontakt zu Digitalem schwer machen, ihnen zu folgen. Sich gegenseitig ernst zu nehmen und zu verstehen, stellt eine Herausforderung dar.

Digitalisierung hat einen massiven Einfluss darauf, wie Kommunikation in unserer Gesellschaft stattfindet. Für junge Menschen in Deutschland dominiert digitale Kommunikation alle anderen Kommunikationskanäle, auch die persönliche. Dies bedeutet, dass um mit jungen Menschen in Kontakt zu treten, digitale Kommunikation an erste Stelle treten muss. Wenig überspitzt kann man sagen, dass Botschaften, die nicht über digitale Medien kommuniziert werden, in der Lebenswirklichkeit junger Menschen nicht vorkommen. Dies ist ein Unterschied zu nicht relevant: Nicht relevante Inhalte sind noch präsent. Kommt etwas nicht vor, so hat es gar keine Chance, wahrgenommen zu werden, auch nicht nebenbei.

Digitale Kommunikation ist aber nicht lediglich die Verortung von Inhalten zu anderen Medien, sondern auch der Wandel von Formaten. An die Stelle von Prime-Time-Sendungen im Fernsehen treten deutlich kürzere Formen auf Plattformen wie Youtube oder Tiktok, die dazu einladen, eigene Inhalte zu produzieren und mit dem Autor in Dialog zu treten. Die Digitalisierung ist hier also nicht ein bloßes Hinzufügen neuer Kommunikationskanäle, sondern eine echte Verschiebung und Veränderung der Regeln nach denen Kommunikation stattfindet.

Digitalisierung und Wirtschaft: Verlustängste oder Gestaltungswille

Schon vor der Digitalisierung lebten wir in einer vernetzten Welt. Handels- und Informationsbeziehungen verknüpfen uns mit anderen Orten rund um den Weltball. Deshalb können wir uns in Zentraleuropa zumindest nicht fortdauernd dem Einfluss anderer Wirtschaftsregionen (zum Beispiel den USA, China oder Indien) entziehen. Die Digitalisierung wir dabei auch als Einfluss aus dem Ausland in unseren Alltag getragen, und ist selbst Beschleuniger von Globalisierung. Für den Einzelnen ist es in diesem Umfeld schwer, sich diesem Wandel zu entziehen. Unsere Entscheidungen und Entscheidungsfindung hat sich verändert, wir beginnen und führen Beziehungen anders und kaufen auf neue Arten ein und bekommen Produkte zu anderen Preisen.

An vielen Orten der Welt haben Menschen einen schlechteren Lebensstandard als wir in Europa. Für sie ist Digitalisierung heute ein Schlüssel für ein besseres Leben, zum Beispiel durch Zugriff zu Bankdienstleistungen und günstiger Bildung per Smartphone, und Zugang zu Produkten und Märkten per Internet. Da sich für diese Menschen neue Technologien problemlos in ein optimistisches Zukunftsnarrativ einfügen, wird hier Digitalisierung klar bejaht und findet scheinbar vorbehaltlos Einzug in den Alltag. In Deutschland sind wir Wandel gegenüber häufig eher kritisch abwartend eingestellt. Zum Teil versucht man ihn aufzuhalten oder zu bremsen. Wir haben Angst davor, unseren Wohlstand und unser Wohlbefinden zu verlieren, Dinge aufzugeben, die nicht wieder zu bekommen sind.  Unser Handeln ist von Verlustangst bestimmt.

Es bleibt die Frage offen, ob wir damit nicht in eine selbstverschuldete Unmündigkeit verfallen. Sollten wir es schaffen, uns als Gesellschaft im Vergleich zum Rest der Welt der Digitalität zu entziehen, berauben wir uns auch der Kompetenz, die Folgen von Digitalisierung zu bewerten und im Sinne unserer Werte zu gestalten. Hier kommt die Kommunikation wieder ins Spiel: Nehmen wir nicht teil, werden wir nicht die Wörter und die Sprache mitprägen, mit denen über Digitalisierung diskutiert wird. Wenn wir nicht an der Diskussion teilnehmen, können wir nicht die Themen setzen, können wir nicht gestalten.

Digitalisierung und Kirche: Sprachlosigkeit?

Glaube bietet Orientierung. In diesem Sinne kann die Kirche in einer sich rasch verändernden Welt Kompass für unser Handeln sein. Die Digitalisierung verändert Handelsströme, die Verteilung von Wohlstand, Machtgefüge, zwischen Ländern, zwischen Menschen. Alte Konflikte werden durch sie neu aufgeworfen, und neue geschaffen. Gerade hier sind Themen wie Glaube, Werte, Zuversicht, Hoffnung, Trost, Vergebung, aber auch Demut von großer Bedeutung. Nur wenn Ethik, Verantwortung und Wissen um eigene Grenzen unser Handeln lenken, wird die Digitalisierung als Veränderung mit großer Wirkmächtigkeit für alle von Nutzen sein und nicht Konflikte, Ungerechtigkeit und Ungleichheit befeuern.

Die Kirche ist in der digitalen Welt aber aktuell nicht zu Hause. Obwohl es Versuche gibt dort präsent zu sein, nutzt sie die neuen Möglichkeiten lediglich in sehr begrenztem Umfang. Beispielsweise ließen sich viele Aspekte in Seelsorge und Gemeindearbeit durch Digitalisierung effektiver und effizienter gestalten. Gottesdienstzeiten könnten auf GoogleMaps zu finden sein, Bibel-Treffen ließen sich per Meetup oder Facebook organisieren. Die Digitalisierung kann uns helfen, unsere christlichen Werte zu leben, doch wir müssen bewusst dafür sorgen.

Bei all diesen Themen bleibt der zentrale Punkt eine im Alltag erfolgreiche Kommunikation in digitalen Medien - sowohl von Laien als auch von Amtskirche. Während viele (vor allem junge) Laien mit großer Selbstverständlichkeit im Alltag zahlreiche Möglichkeiten der digitalen Kommunikation nutzen (Youtube, Whatsapp, Instagram, etc.), findet man im deutschen Sprachraum auf diesen Plattformen höchst selten religiöse Themen. Von der Amtskirche scheint das Internet als ein weiterer Publikationskanal verstanden zu werden, wobei die für das Internet charakteristischen Möglichkeiten der Interaktion und Kokreation weitestgehend ausgeklammert werden.

Der Amtskirche wiederum scheinen die neuen Kommunikationsmodelle schwer zu fallen. Das Personal hat die Kompetenz, religiöse Inhalte zu kommunizieren, begegnet damit aber den „digital Natives“ nicht in ihrem, dem digitalen Kommunikationsraum. In der Vergangenheit erfolgte Kommunikation streng gerichtet von Sender zum Empfänger (ob Kanzel oder Radio). Sender war die Kirche, Empfänger die Gläubigen. In der digitalen Welt steht die Amtskirche als Sender im Dialog mit Empfängern und ist berechtigter und unberechtigter Kritik, Spott und Anfeindungen ausgesetzt. Früher waren kirchliche Würdenträger und Priester Autoritätspersonen. In den neuen Medien muss der Inhalt persönlich, authentisch und teilbar sein, um Zielgruppen zu finden. Damit digitale Kommunikation gelingt, müssen Inhalte zudem strategisch geplant sein. Alte und neue Erwartungen zu vereinen, ist eine Herausforderung. Der Versuch, dieser Herausforderung gerecht zu werden beinhaltet die Gefahr des Scheiterns.

Digitalisierung und der Quickborn AK - Weiterführende Gedanken

Die Digitalisierung wird weitergetrieben werden. Wer mitreden will wie die Zukunft aussehen soll, muss mitmachen und mitreden, da er nur so gestalten kann. Die Kirche verliert Anschluss an neue Technologien, mit Konsequenzen. Durch eine zu geringe Beschäftigung mit dem Thema entmündigt sich die Amtskirche. Sie kann nicht die Kompetenz aufbauen, in neuen zentralen Räumen unseres Lebens Richtung und Halt zu geben. Sie kann nicht mitgestalten. Außerdem verliert sie den Zugang zu ihrer Zukunft, den jungen Menschen, die nur noch per digitaler Kommunikation erreichbar sind.

Mein Glaube bedeutet mir viel, gibt mir Identität, Kraft und Orientierung. Deswegen ist es mir wichtig, ihn am Leben zu halten, zu sehen, dass andere Menschen ihn finden können. Wenn ich mir die Frage stelle, wie es um Digitalisierung und Kirche steht, werde ich nachdenklich. Wie kann es sein, dass trotz der enormen Potentiale der Digitalisierung diese scheinbar dazu beiträgt, dass die frohe Botschaft weniger Menschen in Deutschland erreicht? Haben junge Menschen heute noch die Möglichkeit, mit Kirche in Kontakt zu kommen, wenn dies nicht von ihrem Umfeld unterstützt wird? Wie gehen wir in der katholischen Kirche mit der Digitalisierung in all ihren Facetten um? Begreifen wir sie als Chance oder als Bedrohung, oder tun sie (vielleicht noch schlimmer) als eine Mode ab? „Müssen wir nicht alles mitmachen“ oder gehen wir Veränderungen mit, weil wir Möglichkeiten verstehen und für uns gewinnen wollen?

Zuallererst steht aus meiner Sicht das Thema Kommunikation. Vor dem Hintergrund fallender Kirchgängerzahlen und Priestermangel scheinen digitale Formate eine Chance für Kirche zu sein. Provokant gefragt, sollten unsere Priester nicht eher für die digitale Gemeinde da sein als zwischen einem halben Dutzend Kirchen hin- und her zufahren? Die Reformation Luthers wurde durch die Erfindung der Druckerpresse maßgeblich befeuert, wenn nicht sogar erst ermöglicht. Der afrikanische Kontinent wurde (und wird) durch das Radio evangelisiert. Die Nutzung neuer Technologien hat die Kirche also schon in der Vergangenheit vor Herausforderungen gestellt, aber sie hat es eben auch geschafft, diese für sich zu nutzen. Die Digitalisierung indes stellt eine besondere Herausforderung dar, da die Kirche nicht nur alte Praktiken mit neuen technologischen Mitteln weiterführen muss, sondern ihre Mitglieder ihre Rollen überdenken müssen, um weiter relevant zu sein.

Mit der Kirche sind hier nicht nur Mitglieder der katholischen Amtskirche gemeint, sondern auch ihre Laien. Mitglieder der Amtskirche mögen in der Lage sein, öffentlich authentisch über Glauben zu sprechen, doch sind sie häufig nicht die digitalen Formate gewohnt. Laien mögen Blogs und Youtube-Kanäle betreiben, doch ihnen fehlt die Praxis über Glaube zu sprechen. So müssen Amtsträger und Laien wohl vielleicht mit gemischten Gefühlen das gleiche machen: Ihren Glauben auf Plattformen wie Youtube tragen. Die Laien mit Zweifeln, ob sie „gut“ über Glauben sprechen, die Amtsträger, ob sie „richtig“ das Format bedienen. Die Mitglieder des Quickborn AK besitzen in diesem Spannungsfeld ein besonderes Potential. Viele von ihnen sind in der digitalen Welt zu Hause, und sie sprechen im geschützten Raum der Burg über Ihren Glauben. Wäre es nicht eigentlich an uns, hier eine gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, Inhalte zu unserem Glauben zu schaffen und auf passenden Plattformen zu platzieren, zu verstehen, „was funktioniert“, um unsere Gedanken und unseren Glauben mehr Menschen zugänglich zu machen?

Ich glaube schon – schließlich ist der Quickborn von Unabhängigkeit und Pioniergeist geprägt und die Lust am Experimentieren schützt vor Verlustängsten.

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