Quickborn ab 1947

Im August 1947 konnte der Quickborn sein erstes großes Bundestreffen nach dem Krieg gestalten – auf Burg Ludwigstein, da Burg Rothenfels noch mit Flüchtlingen belegt war; die Bünde Jungborn und Quickborn schlossen sich zu dem einen Bund Quickborn zusammen. Das Pfingsten 1946 in Freising beschlossene  „Grundgesetz des Quickborn“ wurde das „Sonnenkreuz“ als Bundeszeichen wurden bestätigt.

Festzuhalten ist, dass alles, was getan werden konnte, zeitbedingt unzulänglich war, aber auch von einer Lebenskraft zeugte, die entgegen allen Bedenken den Plan zum Bundestag 1947 reifen und Gestalt annehmen ließ. Der Bund war so gewachsen, schreibt Willi Mogge ein Jahr später, „daß die Zeit der Provisorien beendet werden musste, daß das ‚Ja’ des Bundesvolkes zum Tun eines führenden Kreises notwendig wurde. Zugleich war ein weithin leuchtendes Mal für die Arbeit des Bundes in der Öffentlichkeit zu setzen, war festzustellen, ob der Einbau Jungborns in den gemeinsamen Bund gelungen sei.“

Vom 4. bis 10. August 1947 fand dann auf Burg Ludwigstein die erste gemeinsame Bundestagung des Quickborn und des in ihm aufgegangenen Jungborn nach dem Kriege statt – mit ca. 200 Teilnehmern, jungen und alten aus dem Westen und dem Osten, die teils in der Burg, teils in Zelten wohnten. Besonders dankbar empfunden wurde die Gemeinschaft in Singen und Musizieren, Gottesdienst und ernsten Beratungen, Gespräch und Tanz, Neu- und Wiederbegegnung. Wichtige Vortrags- und Gesprächsthemen dieser Tage waren Frieden und die Neuordnung Deutschlands und Europas, soziale Not und die Hilfe der Quickbornerinnen und Quickborner, Einheit der Christen, menschliche Ganzheit, Stellenwert der Abstinenz; daneben die einvernehmliche Überlegung, dass der Bund Quickborn weiterlebt als eine Lebensbewegung, in der die Mädchen und Jungen eigenständig und eigenverantwortet ihr Leben als junge Gemeinschaften und als einzelne gestalten und die Älteren zur Hilfe bereitstehen, wenn sie gefragt werden.

Im Berichtsheft „Quickborn-Tage auf Burg Ludwigstein“ berichtete der aus dem Jungborn kommende Erwin Rosner 1948 in einer „Chronik der Tagung“ 1947 zu Gesprächen über soziale Fragen bei der Tagung 1947 u.a.:

„Ein Herzensanliegen ist uns die Quickbornhilfe. Schon in einem alten Schlesiergaublatt stand die ernste Mahnung eines unserer führenden Quickborner: ‚Wenn der Quickborn bei der gegenseitigen Hilfe versagt, ist er schal geworden. Alle unsere sonstigen Programme und Reden wiegen nicht so viel wie dieses Werk.’ Diese Mahnung bleibt. Ich glaube aber, wir haben Grund, uns über die in den letzten Jahren und auch heute noch geleistete Hilfe und Opferbereitschaft zu freuen. Hoffen wir, daß sie bald in allen Gauen so planmäßig durchgeführt wird wie in Bayern…“

Und an der gleichen Stelle schrieb Erwin Rosner über das Thing der Ostvertriebenen auf dem Ludwigstein:

„Wir Vertriebenen aus dem Osten wollen uns in unserer neuen Heimat einordnen, und gerade die Quickborner haben es meist getan. Aber die geschlagenen Wunden heilen nicht so schnell. Es gibt noch viele unter uns, die weder eine rechte Lebensexistenz, noch Kleidung, noch Einrichtung haben und die zudem – meist als Stadtmenschen – auf entlegenen Dörfern und vergessenen Orten sitzen. Viele von ihnen warten zudem noch auf das Haupt der Familie oder beklagen einen Lieben als gefallen oder vermisst. Der Bundestag hat ihnen viel bedeutet und das erkannten sie an. Sie wohnen ja meist unter Menschen mit zugeknöpften Taschen und verhärteten Herzen. Unter den Quickbornern lebten sie als gleichwertig wieder auf und fanden Heimat. Beschränken wir dieses tiefe Bewusstsein der Gemeinschaft nicht nur auf Tagungen!“

Die heimatvertriebenen Quickborner erhielten vielfach durch ihre einheimischen Bundesgeschwister Hilfen in den Jahren des Neubeginns erhielten und die Quickborner aus Schlesien dem Sudetenland hielten auch untereinander weiterhin intensive Verbindungen hielten. Für die Sudetendeutschen war besondere Anlaufstelle die Benediktinerabtei Braunau in Rohr in Niederbayern, deren Äbte Dominik Prokop und ab 1969 Virgil Kinzel aus dem Quickborn kamen, ebenso wie der spätere Abt Gregor Zippel. (Abt Virgil Kinzel gab auch 1979 ein 50seitiges Heft „Sudentendeutscher Quickborn“ heraus.) Die schlesischen Quickborner hielten besonders Kontakt über Hermann Hoffmann in Leipzig und Thea Trimborn in Köln.

Schlesische Quickborner haben dann hier in der Bundesrepublik in vielfältigen Bereichen –von der Musik über das Verlags- und Zeitungswesen (so war Johannes Binkowski 1970 bis 1980 Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger) gewirkt, auch in der katholischen Kirche wie Pater Johannes Leppich SJ, der aus dem Ratiborer Quickborn kam. Schlesische Quickborner waren Johannes Theißing, der die Vorbereitungen zur Gründung des BDKJ von Altenberg aus begleitete und das Altenberger Singebuch schuf, und sein Bruder Heinrich Theißing, der Bischof von Schwerin wurde, wie auch Prälat Hubert Thienel, der Apostolische Visitator für die schlesischen Katholiken in der Bundesrepublik.

Nach diesem Exkurs zurück zum Ludwigstein:

Am 9. August 1947 fand die Vertretertagung, das Bundesthing, statt, auf dem das Grundgesetz des Quickborn ausführlich beraten und dann beschlossen wurde. Als Bundesleitung wurden gewählt Fritz Schlüter aus Krefeld, als Bundesleiter, der bisherige Bundesleiter Wilhelm Mogge als Bundeskanzler, als Geistlicher Beirat der Dominikanerpater Bernward Dietsche (Augsburg, später Walberberg bei Köln), als Jungenführer Tone Kleinmaier aus Tübingen und als Mädchenführerin Isolde Brabeck aus Augsburg.

Pater Bernward Dietsche OP sprach beim Bundesthing über die „Merkmale Quickborns“: „Leben, Stil, Geist“ und machte dabei auch das „Bündische“ deutlich:

„Leben aber bedarf der Form und der Fassung. Damit ist die Frage nach dem Stil unserer Lebensbewegung gestellt. Wir sind bündische Jugend. Es hat einen seltsam tiefen Sinn: Der Neubeginn des Gesamtbundes nimmt seinen Ursprung in der Urzelle der Wandervogelbewegung. Auf dieser einzigschönen Burg Ludwigstein dürfen wir neu eintauchen in unsere Ursprünge. Wir haben in unserem Grundgesetz Werte verankert, welche die Brücke bilden hinüber zur bündischen Jugend unseres ganzen Vaterlandes. Quickborn hat einen ganz eigenen Daseinsstil. Wir sind christlich bis ins Mark, unser innerstes Mark ist Christus der Herr selber. Und doch sind wir kein Klischeeverein, kein Allerweltsbrei, kein verwaschener ausgefranster Stoff. Romano Guardini hat uns gleich zu Anfang abgesetzt in gediegenen, heute noch lesenswerten Werkbriefen gegen jede Art der religiösen Umrißlosigkeit und Verschwommenheit, kurz der christlichen Stillosigkeit. Wir haben uns bemüht, im Bundesgesetz das Gesicht unserer Bewegung klar auszuprägen und abzugrenzen. Wir fordern viel und Schweres, weil nur so das Antlitz des Bundes gewahrt wird. Die Kraft der Ganzheit liegt in der Ungebrochenheit der Eigenart. So prägen wir unseren Lebensstil innerhalb der Kirche. Wir sind bündische Jugend. Das heißt, wir leben in höchster Einfachheit und Zucht ein geformtes Gemeinschaftsleben als Bund. Dieses verschränkt uns mit der bündischen Jugend anderer Richtungen, ohne daß wir uns mit ihnen spiegelgleich decken. Wiederum ist es Romano Guardini, der uns durch richtungweisende Grenzziehungen hohen philosophischen Formates abgegrenz hat gegen die sittliche Autonomie der bündischen Jugend.“ (In Auseinandersetzung mit Max Bondy von den „Freideutschen“ Anfang der zwanziger Jahre in den „Schildgenossen“) „So sind wir eigenständig innerhalb der bündischen Jugend durch unser katholisches Geprägtsein. Quickborn bildet das Bindeglied und Gelenk im geistigen Raum Deutschlands. In uns überschneiden sich zwei große Kreise deutscher Menschen. Und so ist denn Quickborn katholisch aus Geburt, bündisch aus freier Wahl….

Quickborn hat ein kostbares Erbe zu verwalten und weiterzuführen. Wir sind nicht bloß eine tanzende, zeltlagernde Jugend, nicht Abenteurer der Landstraße, der Ströme und Wälder. Haudegen sind bei uns willkommen, aber nur unter Bedingungen. Es war edelstes Anliegen des Bundes von jeher, in der vordersten Front geistiger Entscheidungen zu stehen….“

Das Zusammengehen zwischen Jungborn und Quickborn im gemeinsamen Bund Quickborn wurde bestätigt. Im Berichtsheft über die Tage auf Burg Ludwigstein lesen wir eine Zusammenfassung von Dr. Hans Busse (Melsungen) unter der Überschrift „Zwei Ströme“ u.a.:

„Auf der Tagung im östlichen Grenzland (Allenstein, 1931) forderten die Jungborner in der Aussprache um ‚Politik und Völkerfriede’ ahnungsvoll mahnend die endgültige Aussöhnung mit dem polnischen Nachbarn aus dem Geiste des Christentums. Unmissverständlich kennzeichnet dann das Friedens-Sonderheft der ‚Jungen Schar’ vom Februar 1933 die ‚Allgemeine Wehrpflicht’, den ‚Wehrsport’, Arbeitsdienst und Rüstungsindustrie als Vorbereitung einer Weltkatastrophe – leider vergeblich….Seitdem sind wieder zweimal sieben Jahre vergangen, die schrecklich waren und furchtbar deutlich werden ließen, daß wir damals auf dem rechten Weg waren…“

Und Hans Busse legte dann dar, 1947 seien nicht mehr der Gegensatz „werktätig – studiert“ von Bedeutung, sondern elementarere und fundamentalere Forderungen und Aufgaben: der Kampf gegen „den kapitalistischen Materialismus des Westens „ und „die kommunistische Staatsvergötterung des Ostens“. Und in seinem Schlussabschnitt hieß es: „Im Hessenland mündete der Jungborn in die Quickbornbewegung ein. Die Burg Ludwigstein am Rande des Zweistrom-Landes ist wieder einmal Grenzwarte – und nicht nur zur politischen – geworden. Jenseits der Werra beginnt die Zone des atheistischen Terrors. Diese Veste ist zugleich ehrwürdig als Erbe und Denkmal vieler Mitbegründer der Jugendgemeinschaft vom Hohen Meißner, des Berges, dessen langgestreckten Kamm südwärts  das Auge ebenfalls streift. Nicht weit nördlich, unfern der Stelle, wo die Fulda sich mit der Werra vereinigt, liegt jenes gewaltige benediktinische Missionszentrum, von wo einst die Heilslehre weserabwärts und ebenso in den Osten und in den Westen der deutschen Lande ausstrahlte: Bursfelde. Sollte der Zusammenfluß der beiden Bruderströme, Quickborns und Jungborns, im Herzen des germanischen Christentums nicht auch einen kraftvollen, zukunftsträchtigen Neuanfang bedeuten? Das Symbol des Jungborn, das ‚Kreuz-Wanderer’- Abzeichen, ist kraft schicksalhafter Fügung in dem neuen Zeichen vom Kreuz über der aufsteigenden Sonne aufgegangen. Könnte nicht auch dies von sinnhafter Bedeutung sein?“

Mit der Tagung auf Burg Ludwigstein wurde das „Sonnenkreuz“, das Kreuz über der aufgehenden Sonne auf Bannern, Wimpeln und Anstecknadeln, gemeinsames  Zeichen für den aus Quickborn und Jungborn zusammengewachsenen Bund.