Wissenschaft und Religion

Können wir die Welt rein naturwissenschaftlich erklären?

„Wenn das Universum wirklich völlig in sich selbst geschlossen ist, wenn es wirklich keine Grenze und keinen Rand hat, dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende. Es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?“ (Stephen Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit. Die Suche nach der Urkraft des Universums. Reinbeck 1988, 179)

Ein Zitat, mit dem der Aachener Fundamentaltheologe Dr. Patrick Becker die mehr als 230 Teilnehmer der 49. Silvesterwerkwoche des Quickborn-Arbeitskreise zusammen mit der Vereinigung der Freunde von Burg Rothenfels e.V. in das Tagungsthema einführte. In den folgenden fünf Tagen regte Dr. Becker mit Impulsreferaten lebhafte Diskussionen in den anschließenden Gesprächskreisen an. Er beschränkte sich bei seinen Vorträgen auf die Naturwissenschaften Hirnforschung, Evolutionstheorie, Kosmologie und, als einzige (Nicht) Naturwissenschaft, die Soziologie.

Die Sichtweise der Menschen auf die Natur hat sich verändert. Man staunt nicht mehr demutsvoll über Phänomene, die man selbst nicht erklären kann, sondern sucht nach naturwissenschaftlichen Erklärungen.

Die Hirnforschung geht davon aus, dass nichts ohne das Gehirn passiert. Das Gehirn ist sehr gut erforscht. Wir können Synapsen und Membranen im Gehirn beobachten. Trotzdem bleiben Fragen nach Selbstbewusstsein, Liebe, Hass. Francis Crick behauptet, alles sei ein Produkt des Gehirns. Aber Phänomene wie z.B. Nahtod-Erfahrungen lassen eine unsterbliche Seele denkbar erscheinen.

Auch heute noch wirft die Evolution viele Fragen auf: Aus Urknall und toter Materie entstand Leben. Das Leben differenzierte sich über Einzeller, Pflanzen, Fische, Amphibien, Vögel und Säugetiere. Der Mensch empfindet sich als Krone der Schöpfung. Er zeichnet sich insbesondere durch geistige Eigenschaften aus. Er hat Kultur und Religionen geschaffen sowie Jenseitsvorstellungen und Endzeithoffnungen entwickelt. Das sei alles evolutionär entstanden, wie Richard Dawkins sagt: “Das Universum, so wie wir es vorfinden, hat genau die Eigenschaften, die zu erwarten sind, wenn es kein Design gibt, keinen Zweck, weder Gut noch Böse, sondern nur eine blinde, unbarmherzige Gleichgültigkeit.“ (Dawkins: River out of Eden, New York 1995, 132f) Eine radikale Unterscheidung zwischen dem mit Würde ausgestatteten Menschen und einem davon abgesetzten Tier gelingt nur beschränkt. Auch Tiere kennen mitunter Sozialverhalten, Werkzeuggebrauch und moralische Maßstäbe - also Kennzeichen, die lange Zeit nur dem Menschen zugesprochen wurden.

Kreationisten (Intelligent Design) dagegen setzen auf ein statisches Weltverständnis. Dieses setzt einen Schöpfer voraus, hat aber keine andere Argumentation anzubieten als: „Wir wissen es nicht, wie es gegangen ist, und darum muss es eine schöpferische Intelligenz bzw. Gott gewesen sein.“ (Christian Kummer in Stimmen der Zeit 2006/1) Also Gott als Lückenbüßer für alles Unerklärliche. Ein scheinbar unüberbrückbarer Widerspruch.

Dabei sind sowohl die Theologie von naturwissenschaftlichen Gedanken, als auch die Naturwissenschaft von theologischen und philosophischen Gedanken durchzogen. Beide existieren parallel und bieten unterschiedliche Erkenntnisse auf unterschiedliche Fragen unseres Seins an. Die Naturwissenschaften haben die Welt immer weiter und tiefgreifender erforscht und erklärt. Religiöse Erklärungen mussten aufgegeben werden. Unser Bild von Gott und das Bild vom Menschen haben sich gewandelt. Gentechnologie und Atomwaffen zwingen die Gesellschaft, diese mit ethischen Gesichtspunkten zu bewerten und dabei religiöse Erfahrungen und Maßstäbe heranzuziehen. Beide, Naturwissenschaften und Religion, wollen den Kosmos in seiner Gänze erfassen, … und nicht nur diesen oder jenen Aspekt.

„Ich habe dich beim Namen gerufen“ (Jes 43,1)

Manche Wissenschaftler wie Richard Dawkins und Daniel Dennett wollen „Religion auf dem Seziertisch naturwissenschaftlicher Analyse sehen.“ (Becker, HK, 2010) So bewegt sich die wissenschaftliche Diskussion zwischen Naturgesetzen und religiösen Erklärungen. Es stellt sich die Frage: Ist Gott im Hier und Jetzt der Welt präsent? Theismus steht gegen Deismus. Wirkt Gott Wunder; hinterlässt er Spuren ohne rückverfolgbar zu sein, wie die Quantenphysik fragt. Oder benutzt er den Zufall, wenn er anonym bleiben will, wie Albert Schweitzer es einmal formulierte? „Positiv aufgenommen werden kann und muss der Entwicklungsgedanke, der im jüdisch-christlichen Denken von Anfang an seinen Platz hatte, etwa wenn die Rede von einer Heilsgeschichte ist. Das christliche Schöpfungs-, Welt- und Gottesverständnis sollte daher problemlos mit Entwicklungsaspekten vereinbar sein.“ (Becker,HK, 2-2011)

Pierre Teilhard de Chardin versuchte schon früh, das Wirken Gottes in der Welt unter dem Blickwinkel evolutionärer Gesichtspunkte zu deuten. Seiner Auffassung nach ist Gott in der gesamten Entwicklung verborgen am Werk, ohne damit seine Transzendenz einzubüßen. Der Mensch ist im Plan des Lebens enthalten. Gott hat es nicht nötig, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Teilhard de Chardin sieht das Wirken Gottes in der Welt im Sinne schöpferischer Impulse. Die Naturwissenschaft fragt nie nach dem Warum. Sie forscht nur an der Natur selbst.

Umrahmt wurde die Tagung durch Abendplenen zum Thema des Film „I Origins“; „Nahtod-Erfahrungen“ und einer Podiumsdiskussion mit Theologen, Quantenphysiker und Pädagogen zum Thema: „Wo wird Gott noch gebraucht?“.

Die Nachmittage waren durch Kreativkreis-Angebote ausgefüllt, wofür allen Beteiligten ein großer Dank auszusprechen ist.

Stephan Weisz

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