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In der Bundesordnung der Mittelschicht, der 20- bis
30-Jährigen im Quickborn, hieß es 1951: “In einer Zeit der
politischen Gleichgültigkeit und inneren Beziehungslosigkeit
des Menschen zur staatlichen Gemeinschaft verlangen wir von
uns politisches Wissen, Urteil und
Verantwortungsbereitschaft. Als Bund vertreten wir keine
einheitliche politische Meinung, sondern achten die ehrliche
politische Überzeugung jedes einzelnen.... Wir wollen uns für
gegenseitiges Verständnis einsetzen. Die Männer und Frauen
des deutschen Widerstandes, die aus Gewissensüberzeugung
unter Einsatz ihres Lebens für Recht und Würde des Menschen
eintraten, sind uns in Haltung und Gedanken Vorbild.”
Mit dieser Formulierung waren neben den bekannteren
Widerstandsgruppen wie 20. Juli, Weiße Rose oder Rote Kapelle
gerade auch die Märtyrer aus dem Quickborn gemeint. Johannes
Binkowski nennt in “Jugend als Wegbereiter – Der Quickborn
von 1909 bis 1945” Max Joseph Metzger, Rudolf Mandrella,
Alfons Maria Wachsmann und Theo Hespers. Ich möchte Leben und
Werk von Theo Hespers heute Abend in Erinnerung rufen:
Theodor (Theo) Franz Maria Hespers kam am 12.12.1903 als
zweites von sechs Kindern der Eheleute Franz Hespers und
Berta, geb. Sporken, in München-Gladbach zur Welt. Die
Familie wohnte unterhalb des Gladbacher Münsters Am Kämpchen,
einer Querstraße der Lüpertzender Straße. Das Kind wuchs in
einer überzeugt und überzeugenden katholischen Familie auf;
Willi, ein acht Jahre jüngerer Bruder seines Vaters, war
Priester, dessen Tante Maria als Schwester Christophera
Priorin der Dominikanerinnen im Kloster Marienthal bei Venlo.
Wie wichtig die religiöse Dimension für den jungen Theo
wurde, geht auch aus seinen Tagebuchnotizen hervor. So
schreibt er, auf Kindheit und Jugend zurückschauend, am
25.4.1921 u.a.: “Noch etwas, das wichtigste, habe ich in
diesem Jahr vergessen. Ich ging am 21. Juni 1914 zur ersten
heiligen Kommunion. In unserer altehrwürdigen Münsterkirche
durfte ich den lieben Heiland empfangen und ungefähr zwei
Monate später wurde ich ebendort gefirmt. Große Ereignisse
waren das für meine junge Seele und nie werde ich sie
vergessen. Nie vergessen werde ich den Augenblick, als mir
mein viellieber Dr. Willemsen den Heiland reichte, nie
vergessen die tiefe Anrede unseres jetzt schon verstorbenen
Erzbischofs, Herrn Hartmann, bei der Firmung, die da endete
mit den Worten ‚Ihr seid Streiter Gottes, nun kämpft einen
guten Kampf!’.... Am meisten Freuden haben mir die
Religionsstunden unseres Herrn Dr. Willemsen bereitet. Da
erhielt man Nahrung, gute Nahrung, nach der die junge Seele
schrie.”
Theo Hespers besuchte von 1914 bis zum "Einjährigen”
1920 die selbe Schule wie der gleichaltrige Hans Jonas, das
Stiftische Humanistische Gymnasium auf dem Gladbacher
Abteiberg, und absolvierte von 1920 – 1923 eine kaufmännische
Lehre in der Buntweberei Fellinger & Peltzer.
Seit 1917 war Theo Hespers Mitglied des Quickborn und
zeitweise Stadtführer dieses Bundes in seiner Heimatstadt.
Der 1909 als ältester Bund der katholischen Jugendbewegung
entstandene Quickborn, zunächst ein Zusammenschluss von
katholischen Schülern, denen auch die Abstinenz von Alkohol
und Nikotin wichtig war, nahm ab 1913 auch Mädchen auf, was
damals in der katholischen Kirche als revolutionär angesehen
wurde. Für Theo Hespers wurden die im Quickborn vorgestellten
und gelebten Anregungen zur Einfachheit, Natürlichkeit,
Lebensgestaltung aus dem Glauben, Liturgie und Ökumene,
Völkerverständigung, Friedenseinsatz und politisches
Engagement wesentlich und prägten ihn. Fahrten und die Tage
auf Burg Rothenfels am Main gaben seinem Leben wesentliche
Anstöße, so die Quickbornwerkwoche auf Rothenfels im August
1921 zum Verhältnis zwischen Staat und Gemeinschaft und dem
einzelnen. Auf dieser Tagung wurde auch – vor allem zwischen
Romano Guardini und dem damaligen Gauführer des Quickborn in
Westfalen, Walter Dirks, darum gerungen, ob der Quickborn
sich auch für Werktätige öffnen sollte, eine Frage, die auch
die Gladbacher Quickborner besonders berührte. Und Romano
Guardinis im Quickborn viel diskutierte “Briefe über
Selbstbildung” gaben Hespers wichtige Anregungen.
Theo Hespers suchte Gleichgesinnte in allen Bereichen ohne
Berührungsangst. Anregungen zu dieser Offenheit erhielt er
auch durch den Friedensbund deutscher Katholiken (FDK), dem
viele Quickborner angehörten. Der auch im Friedensbund aktive
Quickborner Karl Föster fasst zusammen: "Der
Friedensbund Deutscher Katholiken hatte den Mut, auch mit
Kräften aus anderen politischen Lagern und Gruppierungen, die
sich die Erhaltung des Friedens zur Aufgabe gemacht hatten -
und denen seine Achtung galt -, Kontakte zu halten. Mit
diesen bestand mehr Gemeinsamkeit als mit den 'Rechten' in
Politik und auch der Kirche."
Über das Leben im Quickborn schrieb Theo Hespers. am
9.3.1922 in sein Tagebuch: “Im Februar 1921 kam ich wieder
zum Quickborn, dem ich schon früher angehört hatte, aber zwei
Jahre ausgetreten war. Quickborn hat jetzt eine große
Entwicklung hinter sich. Er war aus einem Abstinenzbund zur
kritischen Jugendbewegung geworden. Ich war bald mit Leib und
Seele mit dabei. Viele feine Fahrten haben wir gemacht. Viele
feine Menschen lernte ich in ihm kennen. Im Herbst war ich
auf der Quickbornburg Rothenfels am Main, habe viel gesehen,
gelernt und erlebt. Ende verflossenen Jahres schlossen wir
Älteren im Gladbacher Quickborn uns zu einer Älterengruppe
zusammen. Erst arbeiteten wir in einer gemischten Gruppe
zusammen, dann aber trennten wir uns Anfang des Jahres aus
praktischen Gründen. Wir arbeiten jetzt augenblicklich in
unserem Kreis an der Liturgie.” (mit Kaplan Dr. Josef Thomé)
“Wir lernen erst so recht die Schönheit und Wahrhaftigkeit
unseres Glaubens kennen und lieben und so entspringt hieraus
auch christlich, katholisches Leben und Handeln, und dass wir
ganz katholische Menschen werden in unserem ganzen Sein und
Tun, das ist unser Wille. Durch unser Sein gedenken wir auch
unsere Mitmenschen wieder zum lebendigen Christentum zu
führen. Gott möge uns zu alle dem die Kraft und die Gnade
schenken, dass wir alles tun aus Liebe zu Ihm.” Soweit die
Tagebuchnotizen des 18-Jährigen, deren letzte Sätze er ein
Leben lang leitmotivisch zu verwirklichen suchte.
1923 setzte Hespers sich in den "Jugendringen
Rheinland" gegen die Separatistenbewegung ein. Weil er
die Separatisten-Fahne vom Rathaus Abtei holte, wurde er drei
Tage im Gefängnis Spatzenberg eingesperrt. Von 1923 bis 1926
besuchte er den Werkmeister-Kursus an der Preußischen Höheren
Fachschule für Textilindustrie (heutige Hochschule
Niederrhein). 1925 wurde er Mitglied der christlich-sozialen
Bewegung (Vitus-Heller-Bewegung), die später die
Christlich-Soziale Reichspartei gründete. Ludwig Lemhöfer
charakterisiert die Christlich-Sozialen: “Das war eine
katholisch-linksradikale Bewegung, die teilweise auch als
Partei arbeitete und bei Wahlen kandidierte; sie brachte es
einmal im ganzen Reich auf 100 000 Stimmen, was aber zu einem
Mandat nicht reichte. Die ‚Christlich-Soziale Bewegung’ hatte
die persön-liche Lebensreform auf ihre Fahnen geschrieben wie
die Veränderung der Gesellschaft auf der Grundlage von
Gemeineigentum und Pazifismus; heute würde sie mühelos auf
einen Kongreß der ‚Grünen’ passen.” Und Professor Dr. Arno
Klönne, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der
Theo-Hespers-Stiftung, vermerkt: “1928 beteiligte sich die
Vitus-Heller-Partei mit Nikolaus Ehlen (Lebensreformer,
‚Siedlungsgründer’, Jugendbewegter) an den Reichstagswahlen
und gewann 120 000 Stimmen. Insbesondere junge Menschen aus
den von der Amtskirche unabhängigen Jugendbünden
(Kreuzfahrer, Jungborn, Quickborn) und aus dem pazifistischen
Friedensbund Deutscher Katholiken setzten sich für die
Vitus-Heller-Partei ein.
Innerhalb der Partei bildete sich ein eigene, radikal
gestimmte Jugendorganisation, die Christlich-Soziale Jugend.
Diese gab – neben der Vitus-Heller-Wochenzeitung “Das neue
Volk” – ein eigene Zeitschrift unter dem Titel “Die junge
Tat” heraus. Die maßgeblichen Sprecher der Jugendgeneration
in der Vitus-Heller-Partei waren Paul Böhmer, Paul Feltrin
und Theo Hespers.” Vitus Heller und dann Paul Feltrin
imponierten Hespers besonders durch unbedingten
Friedenswillen aus christlicher Überzeugung (vgl. Hellers
Büchlein "Nie mehr
Krieg") und den Einsatz für eine gerechte Sozialordnung.
1925 trat Theo auch der von Hans Ebeling gegründeten
Pfadfinderschaft Westmark bei - und im Juni 1926 ging er mit
Otto Westfahlen, einem Freund aus dem Quickborn, auf eine
einjährige Großfahrt zu Fuß über Frankreich, Italien und
Spanien nach Marokko; er sah die himmelschreiende Armut in
diesen Ländern und fasste als Christ den Entschluss,
"sich hier politisch zu engagieren und für eine Änderung
der herrschenden Verhältnisse zu kämpfen.”
1927 unternahm er eine achtwöchige Russlandreise (er war in
diesem Jahr Stellvertretender Vorsitzender der
"Internationalen Arbeiterhilfe" geworden und fuhr
mit deren 3. Delegation in die UdSSR). Ab 1928 arbeitete er
in verschiedenen Beschäftigungsver-hältnissen in
München-Gladbach. In den Jahren 1928 bis 1930 engagierte er
sich intensiv in der Christlich-Sozialen Reichspartei - CSRP
- (so als Kandidat für den Preußischen Landtag und als
Vertreter in Ausschüssen der München-Gladbacher
Stadtverordnetenversammlung).
1930 heiratete er Katharina Kelz, die er im Quickborn
kennengelernt hatte; Traupriester war der den Gladbacher
Quickbornern verbundene frühere Bundesführer der Kreuzfahrer
Dr. Josef Thomé, der Familie Hespers auch später in ihrem
niederländischen Exil besuchte. 1931 wurde das einzige Kind,
der Sohn Dietrich Franz (Dieter, Dirk) geboren.
Da Theo aus seinen christlich-sozialen Grundanschauungen und
seinem aus dem Glauben geprägten politischen Engagement schon
früh den Nationalsozialismus als eine Menschen bedrohende und
sie verachtende Fehlentwicklung sah, trat er im Herbst 1932
aus der CSRP aus, weil er den Eindruck hatte, dass auch diese
Partei den drohenden Gefahren nicht entschieden genug
gegensteuerte. Zurückschauend schreibt er später: “Wem galt
unsere Kritik...? Waren es die Ideen oder die Menschen? Wir
können eindeutig antworten, dass es die Menschen waren... Wir
sahen, dass die Vertreter des Sozialismus sich nicht
entschieden für eine soziale Neuordnung einsetzten, dass die
Vertreter des Nationalismus nicht das Wohl des Volkes und der
Nation, sondern egoistische Ziele im Auge hatten, dass die
Vertreter des Katholizismus nicht die Weite zeigten, die der
Weltkirche ansteht, dass die Vertreter des Christentums mit
der Nächstenliebe nicht ernst machten.” In der Hoffnung auf
einen intensiveren Einsatz für Frieden und soziale
Gerechtigkeit war Theo Hespers 1931 bis 1933 in der
"Rote Gewerkschaftsorganisation" aktiv. Um ein
entschiedenes Gegengewicht gegen die NSDAP zu erreichen,
engagierte er sich für Einheitsfrontlisten bei den
verschiedenen Wahlen im Jahre 1933 und kandidierte selbst bei
der Reichstagswahl am 5.3.1933 auf der "Einheitsliste
der Arbeiter und Bauern" und für die
Stadtverordnetenversammlung als Spitzenkandidat der Liste der
"Kampffront der Werktätigen". Am Tage nach dem
Reichstagsbrand vom 27.2.1933 erließ die Hitler-Regierung
eine "Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat"
und "gegen Verrat am deutschen Volk und
hochverräterische Umtriebe".
Auf Grund dieser Notverordnung sollte auch Theo Hespers
verhaftet werden. Durch einen Freund gewarnt, dass die
politische Polizei ihn verhaften wolle, (sie hatte das Haus
mit Scheinwerfern umstellt, die Bewohner mussten stundenlang
mit erhobenen Händen an der Wand stehen) ging er nicht nach
Haus, sondern floh im April 1933 in die Niederlande. Er fand
zunächst Unterschlupf in einer 3 x 4 qm großen Klosterzelle
bei den Dominikanerinnen im Kloster Mariental bei Venlo, wo
seine Tante als Schwester Christophera Priorin war. In einer
tschechischen Zeitung wird unter der Überschrift "Ein
Held mit dem Decknamen 'Katholik' " über Theo unter
anderem berichtet: "Es war kein Zufall, dass sich der
junge katholische Emigrant nur wenige Kilometer von der
deutsch-holländischen Grenze in Roermond niederließ. Die
Grenze wird in diesem Bezirk durch dichte Wälder gebildet und
das kleine Flüsschen Schwalm. Hier kannte Theo jeden Weg und
Steg und jeden Waldwinkel. Längs der Grenze von Nymwegen bis
Zach ist eine Anzahl von Klöstern. In einem Frauenkloster war
eine Vorsteherin eine Schwester von Hespers Vater. Über diese
Adresse ging der Briefverkehr, von London oder vom Haag, nach
Deutschland oder nach Prag."
Theos Freund Max Berretz brachte im Juli 1933 zu Fuß Käthe
und den kleine Sohn Dieter über “die grüne Grenze”. Familie
Hespers fand dann eine Wohnung in Melick an der Roer bei
Roermond. Diese Wohnung wurde zu einer wichtigen Anlaufstelle
der Widerstandskämpfer. Freunde aus der katholischen Jugend
und den bündischen Gemeinschaften, jüdische Emigranten,
Mitglieder der sozialdemokratischen und der kommunistischen
Partei suchten Hilfe in unserem Hause. Flugblätter wurden
hergestellt, die dann im Rhein-Ruhr-Gebiet von Hand zu Hand
gingen. Theos Sohn Dieter berichtete im Vorwort zur
Neuherausgabe der “Kameradschaft”: “..Von Melick aus
entwickelte sich in der Folgezeit eine rege illegale Arbeit.
Antifaschistische Schriften, so z.B. zum
Reichstagsbrandprozeß, gelangten durch die Vermittlung von
Theo Hespers nach Deutschland.....'Von diesem Häuschen aus
(Wohnung von Hespers in Melick) gingen Fäden und Verbindungen
kreuz und quer durch Europa...auch die sorgfältig gehüteten
Verbindungen in das illegale, kämpfende Deutschland. Was die
Mauern.. erzählen könnten, ist wahrscheinlich eines der
ruhmreichsten Kapitel des Deutschen Widerstandes. Seele und
Motor der Arbeit war Theo Hespers...' ,berichtete Theos
Freund Hans Dahlen später. Diese umfangreiche illegale
Arbeit, in deren Verlauf große Mengen antinazistisches
Material durch Mittelsmänner, Gemüsewagen und
Rhein-Maas-Schiffe ins Reich gebracht wurden - und die auch
die Verhaftung einiger wichtiger Mitglieder der
Widerstandsgruppe im Reich zur Folge hatte, war der Gestapo
ein Dorn im Auge und veranlaßte die Hitlerregierung zur
Intervention in den Niederlanden.
Theo Hespers hatte “auch Kontakt zu den Mönchengladbacher
Emigranten Alfred Katzenstein, der aus Paris zu ihm kam und
um Unterkunft bat, und zu Gertrud Sanders, “beide waren ihm
als Mitglieder des jüdischen Wandervogel-Bundes ‚Die
Kameraden’ schon aus der Zeit vor 1933 bekannt. Beide
arbeiteten jetzt für die illegale KPD, indem sie bei der
Materialbeschaffung und der illegalen Lieferung von Material
nach Deutschland tätig waren.”
“1934 wurde Theo Hespers von niederländischen
Regierungsstellen gezwungen, 'over de waterkant' (über die
Maas) nach Helmond zu gehen, von wo aus er seine konspirative
Arbeit neu organisieren mußte..."
Im Mai 1935 wurde Theo Hespers zur Fahndung ausgeschrieben;
ab Mai 1936 lebte die Familie in Eindhoven. Hespers erhielt
eine kleine Unterstützung durch die kath. Kirche und
verkaufte Reformkost – teilweise war er mit dem Fahrrad
unterwegs und konnte so auch unauffällig Widerstandsmaterial
verteilen.
In einem Protokoll der Geheimen Staatspolizei vom 30. Juli 1941 heißt es dann:
"Wegen seiner hochverräterischen Bestrebungen wurde
Hespers die deutsche Reichsange-hörigkeit am 1. Februar
1937 aberkannt." - ebenso seiner Frau und seinem Sohn.
In seiner Dissertation über “Widerstand und Verfolgung in
Mönchengladbach und Rheydt 1933 bis 1945 – die als Band 22
der Beiträge zur Geschichte der Stadt Mönchengladbach
erschien, berichtet Dr. Heribert Schüngeler , “dass sich 1937
der Gladbacher Hubert Giffels – genannt “Tutti” – “den
Hespers aus seiner Zeit als Quickborn-Mitglied kannte, in
seiner Stellung als Konsulatsbeamter in Antwerpen und Paris
bereiterklärt hatte, für Hespers zu arbeiten.” Und durch den
Niederländer Dr. Marcus van Blankenstein, einen Juden, der
als Journalist auch gute Verbindungen zu Diplomaten und
Politikern hatte, bekamen Theo Hespers und sein Freund Dr.
Hans Ebeling auch Kontakte zu dem englischen
Geheimdienstoffizier Major Stevens (der dann gemeinsam mit
Captain Best am 9. November 1939 von einem deutschen
Sonderkommando an der Grenze am Café Backus bei Venlo
entführt wurde – dieser “Venloer Zwischenfall” ereignete sich
einen Tag nach dem missglückten Attentat auf Hitler im
Münchener Bürgerbräukeller).
Der Essener Prozess gegen den ‚Jungnationalen Bund’
der Bündischen Jugend im Juni1937, in dessen Mittelpunkt Hans
Böckling zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt wird, rief unter
den niederländischen Jugendorganisationen größte Erregung
hervor. Es führte zu der Forderung nach Unterstützung der
deutschen Jugend, die sich der Diktatur nicht beugen will,
und damit zu der Gründung der Zeitschrift
‚Kameradschaft’ in Brüssel und Amsterdam mit den Herausgebern
Theo Hespers und Hans Ebeling.” Theo Hespers erfuhr daher in
den Niederlanden verstärkt große Unterstützung.
Bis zum 10. Mai 1940, dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die
Niederlande, entfaltete Theo eine umfangreiche und
wirkungsvolle Widerstandsarbeit, für die er viele Kontakte
knüpfte und aufrechterhielt:
Er setzte sich mit der katholischen Kirche in Verbindung und
arbeitete intensiv mit dem Kreis um den emigrierten Jesuiten
Dr. Friedrich Muckermann zusammen. Diese Mitarbeit galt
besonders dem katholischen Komitee in Utrecht und Beiträgen
in der von Pater Muckermann herausgegebenen neuen Zeitung
"Der deutsche Weg", die in Oldenzaal gedruckt
wurde. Über die Gesamtsituation schrieb Muckermann in seinen
Lebenserinnerungen: “Wenn ich geglaubt hatte, es müsste die
Geistlichkeit wie ein Mann sich gegen das Neuheidentum
erheben, so konnte ich damals die Erfahrung machen, dass dem
nicht so war. Man hielt mich für einen Pessimisten, und mein
Publikum blieb jedenfalls geteilt in seinen Auffassungen. Der
tiefere Grund wird wohl in den vielfach unbewussten und
geheimen Spannungen liegen, die sowohl in Deutschland wie in
Holland zwischen dem ‚kirchlichen’ Katholizismus und dem
Katholizismus im politischen Leben bestand.”
Dr. Muckermann schreibt auch: “Der ‚Deutsche Weg’ hatte
zuverlässige Freunde, aber noch mehr in größerer Zahl
grimmige Gegner. Die Nazis fürchteten ihn bald so, dass sehr
hoch gelegene Zentralen um Freiexemplare baten, so zum
Beispiel das Propagandaministerium in Berlin. Ihrer Bitte
wurde in liebenswürdigster Weise entsprochen, was uns
andererseits nicht hinderte, bald darauf zu erklären, dass
unsere Finanzen eine kostenlose Belieferung nicht mehr
gestatteten, und so wurden sie denn zu Abonnenten.”
Das katholische Komitee in Utrecht, "Katholiek Comité
voor Slachtoffers van Geloofsvervolging" ,hatte der
Utrechter Universitätsprofessor J. Schmutzer gegründet (der
1944 nach England flüchten musste und hier als Minister für
die überseeischen Gebiete in der niederländischen
Exilregierung mitarbeitete). Sekretär war nach 1936 Peter
Lütges, ein Zentrumsmann aus Süchteln, der als Journalist in
Düsseldorf gearbeitet hatte und mit Theo Hespers befreundet
war.
Ich zitiere aus einem Beitrag, den Karl Josef Hahn im
Februar 1965 in der Zeitschrift “Hochland” als
"Insider" veröffentlichte (Hahn arbeitete mit Theo
Hespers und Hans Ebeling. im Kameradschaft-Kreis zusammen;
die Vernehmungsprotokolle Hahn sind dann im Hespers- Prozess
von Bedeutung): In seinem Artikel "Katholischer
Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den
Niederlanden", in dem er auch Theo Hespers würdigt, über
die umfangreiche und mutige Arbeit des Komitees in ganz
Europa und seine Zusammenarbeit mit Katholiken in USA und
Großbritanien schreibt, sagt Hahn u.a.: "Es galt dabei,
mit großer Vorsicht vorzugehen, da die Gestapo
selbstverständlich vom Bestehen des holländischen
katholischen Flüchtlingsbüro wußte und sich darüber klar war,
daß über dieses Büro gelegentlich auch Personen entkamen, die
von der Gestapo gesucht wurden. Auch vermutete sie nicht zu
Unrecht, daß die Leiter des Flüchtlingsbüros mit führenden
katholischen Flüchtlingen wie Brüning Verbindung hatten und
überdies die katholische Öffentlichkeit laufend über die
antichristlichen Maßnahmen der Nationalsozialisten
unterrichteten."
Theo hatte ab 1930 Kontakt auch zum Jungnationalen
Bund um Dr. Hans Ebeling aus Krefeld, (der wegen seines
Glatzkopfes, seiner “Pläät”, seinem “Plateau”, von seinen
Freunden “Plato” genannt wurde). Hespers kannte Plato ja
schon seit 1925 aus der Pfadfinderschaft Westmark.
Theo und Plato trafen sich wiederholt in den Niederlanden
und arbeiteten ab 1935 intensiv zusammen. Sie gründeten einen
"Arbeitskreis bündischer Jugend", AKBJ, der u.a.
als Material für die ausländischen Presseagenturen die
"Sonderinformation deutscher Jugend"
veröffentlichte und bis Mitte 1937 die "Bündischen
Rundbriefe" herausgab. Neben Hespers und Ebeling
arbeiteten im AKBJ führend mit Eberhard Koebel (tusk,
d.j.1.11.,) und Fritz Borinski (beide in London), K.O.Paetel
(Paris), Walter Hammer-Hoesterey (Kopenhagen), Hans Stoffers
(SPD, Brüssel), Werner Kowalski (KPD) Ab 1936 konnte Theo
wieder einige größere Reisen unternehmen, um Kontakte zu
knüpfen (so nach Belgien, Frankreich, Irland, England und in
die Schweiz). Vom 31.8. bis 6.9.1936 nahm er als einer der
vier Vertreter der deutschen Widerstandsjugend am Genfer
Weltjugendkongress teil.
Theo und Plato überlegten auch – z.B. beim Weltjamboree Ende
Juli 1937 in Vogelzang bei Amsterdam in Gesprächen mit dem
Stellvertreter Baden-Powells und führenden Repräsen-tanten
der ungarischen Pfadfinderbewegung Graf Pál Teleki von Szék
vom Internationalen Büro der Boy Scouts -, ob ein Anschluss
an die Weltpfadfinderbewegung den bündischen
Widerstandsgruppen eine bessere Absicherung gäbe. Dies
scheiterte aber – wie Graf Teleki selbst betonte – “am
Scout-Gesetz. Da dieses vorsieht, dass die entsprechende
Scout-Orga-nisation des betreffenden Landes den Eid auf die
jeweilige ‚Staatsführung’ abzulegen hat (in diesem Fall auf
Hitler also!) erklärte das Internationale Büro, dass es eine
derartige Forde-rung politischen Gegnern der Totalität des
Dritten Reiches gegenüber nicht erheben könnte und würde.
Zudem sei der Scoutismus unpolitisch – die Bündische Jugend
dagegen politisch”.
Nach einer Vorbesprechung von Ebeling und K.O.Paetel in
Paris führte der AKBJ am 17./18.7.1937 in Brüssel in
einem Hotel am Grand Place eine Konferenz durch.
Wichtige Teilnehmer waren neben den Organisatoren Hespers
(für die katholische Jugend – er hielt dort auch ein
wichtiges Referat zur Lage der katholischen Jugend) und
Ebeling Paetel, Hans Stoffers (SPD), "Felix" (Erich
Jungmann, kommunistische Jugend), Werner Kowalski (KPD),
Lavacherie (belgische Jugend), Gerrit Aalders
(niederländische Jugend) sowie Carrit und Jones als Vertreter
der "British Youth Peace Assembly".
Hauptziele der "Brüsseler Konferenz" waren, eine
entsprechend straffer organisierte Exilvertretung der
deutschen Jugend zu gestalten, die "Deutsche
Jugendfront", damit die Hitlerjugend nicht weiterhin als
alleinige Vertreterin der deutschen Jugend im Ausland
auftreten konnte, und eine gemeinsame Widerstandszeitschrift
aller Emigranten aus der Jugendbewegung zu begründen.
Bei einem weiteren Treffen in Paris im August 1937
lehnten Theo, Plato. und Paetel eine weitere Zusammenarbeit
mit den Kommunisten ab - Auslöser waren die großen Prozesse
der Stalinzeit ab 19.8.1937 und der damit beginnende rote
Terror. Dirk Hespers begründet in einem einleitenden Text zur
Neuherausgabe der Zeitschrift “Kameradschaft”: "Die
Trennung von den Kommunisten war nicht so sehr eine
politische, als eine moralische Verurteilung der Sowjetunion.
Von da an wurde der NS-Diktatur die kommunistische zur Seite
gestellt und für die Zukunft Deutschlands beide
abgelehnt."
In Eindhoven wurde dann das Programm der Deutschen Jugendfront aufgestellt:
- an die Stelle des bisher gemeinsam mit den Kommunisten
herausgegebenen bündischen Rundbriefes trat ein eigener
Informationsdienst,
- es sollten eigene Gruppen gebildet werden,
-
eigene Hilfskomitees für emigrierte Bündische sollten in Belgien, den Niederlanden und England aufgebaut werden,
- eine eigene Zeitschrift, die – nach entsprechenden
Diskussionen - den Namen "Kameradschaft - Schriften
junger Deutscher" erhielt, sollte erscheinen.
Die Bedeutung der Deutschen Jugendfront und der Gruppe um
die "Kameradschaft" bestätigte die Gestapo in einem
Protokoll vom 21.2.1942, in dem über 50 Beteiligte namentlich
aufgeführt werden, Hespers und viele andere Deutsche,
Niederländer, Belgier, Franzosen, ein US-Amerikaner - dabei
sind auch mehrere Juden und einige Frauen.
In dem Protokoll heißt es u.a."Erst die Ermittlungen in
der letzten Zeit, die durch die militärische Besetzung
westlicher Feindstaaten ermöglicht wurden, haben eine
Aufklärung bringen können. Es konnte festgestellt werden,
dass es tatsächlich deutschen Emigranten aus der bündischen
Jugend gelungen war, im Ausland eine auf den gewaltsamen
Umsturz in Deutschland ausgerichtete Organisation zu gründen,
die sich 'Deutsche Jugendfront' nannte und die auch in
verschiedenen überseeischen Ländern Stützpunkte besaß."
Die erste Ausgabe der “Kameradschaft” erschien im November
1937 gleich in einer Auflage von 600 Exemplaren, die weitere
Auflagenhöhe lag jeweils bei 2.000 oder mehr. Ziel der
Herausgeber war es, die Jugend über die Unmenschlichkeit des
nationalsozialistischen Systems aufzuklären, den Geist des
Widerstandes unter den Jugendlichen zum Sturz des
Hitler-Regimes wachzuhalten und die politischen Grundlagen
für die Widerstandsgruppen der Jugend darzulegen. Dabei
orientierte man sich grundsätzlich an christlichen
Prinzipien.
Die “Kameradschaft – Schriften junger Deutscher” bezog
von Beginn an eindeutig Position. Heft 1 vom November 1937
begann unter der Überschrift “Kameradschaft” mit einem
programmatischen Artikel, dessen erste beide Abschnitte
lauten: “Wir stehen im Kampfe, wir jungen Deutschen. Was
unsere Sehnsucht in Jahren reichen Jugendlebens war, was wir
für uns und unser Volk erträumten und ersehnten, ist ferner
denn je. Was wir uns schufen, ist zerstört oder tödlich
bedroht. Unser Wollen ist verfehmt, unsere Gemeinschaft
verboten.
Die braune Pest herrscht in Deutschland. Der Tyrannen
Willkür zerstört unsere Heimat. Schwer stöhnt das Volk in den
Ketten der Unfreiheit, dunkel und bedroht ist seine Zukunft,
für die gerade wir, die Jugend dieses Volkes, Verantwortung
tragen.”
Im gleichen Heft schrieb Theo Hespers einen Artikel “Brüder
in Not! Zum Rossaint- Prozess”, (bei dem auch sein Freund Dr.
Josef Thomé angeklagt war und Freunde aus dem
Quickborn) einen Artikel, der im Untersuchungsverfahren und
im Prozess gegen Hespers große Bedeutung bekam. Zu Beginn
charakterisiert er die beiden sich ausschließenden
Grundpositionen:
“Es ist an der Zeit, dass die Menschen der katholischen
Jugendbewegung sich Rechenschaft geben über die Art und die
Bedeutung des Kampfes, den die Nazi-Regierung gegen den
Fortbestand ihrer Organisationen, gegen ihre Führung, gegen
sie selbst führt. Dieser Kampf ist nicht nur ein
Konkurrenzstreit, der dem Totalitätsanspruch der
‚Hitler-Jugend’ entspringt, sondern er ist ein Kampf gegen
die innere Haltung der katholischen Jugend. Die katholische
Jugend hat seit dem Weltkriege ein eigenes Weltbild auf Grund
ihrer ethisch-religiösen Ideale entwickelt, das der
Weltanschauung des ‚Nationalsozialismus’ grundsätzlich
entgegensteht. Grade die katholische Jugend ist auf die
unehrlichen Phrasen des Nazismus vom ‚positiven Christentum’,
von der ‚Volksgemeinschaft’, von der ‚nationalen Idee’ nicht
hereingefallen, weil sie selbst ihre eigene Idee über all
diese Dinge in sich trägt. So ist es denn verständlich, dass
das heutige Regime aus Selbsterhaltungstrieb gezwungen ist,
den Vernichtungskampf gegen die katholische Jugend mit allen
Mitteln zu führen.”
Später schreibt er: “Zwischen ‚Staatsvergottung’ des
Hitlertums und ‚Rassenvergottung’ und christlicher Wertung
des Menschen und des Volkes gibt es keine Brücke.
‚Nationalsozialistischer’ Macciavellismus und christliche
Auffassung vom Volksleben und internatinaler Politik sind
unvereinbare Gegensätze.”
Und in einem Hespers-Artikel “Katholische Jugend vor der Entscheidung” in Kameradschaft Nr. 6/7 von April/Mai 1938 heißt es u.a.:
“Terror und Angst vor der ‚Illegalität’ darf uns nie davor
zurückhalten, als Christen unsere Pflicht zu erfüllen. Diese
unsere Verpflichtung heißt: alle Gebiete des Lebens mit
unserem Geist, unserer Idee zu erfüllen. Gerade in dieser
Zeit der Demagogie und der Unterdrückung, der Lüge und des
Verrats, müssen wir unsere Idee hell und strahlend
herausstellen, dass sie als Richtschnur und als Fahne diene
für uns und alle, die die Rettung Deutschlands und des
Christentums wollen. Auch heute in der Unterdrückung ist es
uns möglich, durch unser tägliches Leben und auch darüber
hinaus zu zeigen, was wir unter einer wirklichen Erneuerung
des Volkes verstehen. Wir können und müssen dafür sorgen,
dass unter allen nationalen Phrasen nicht das wirkliche
deutsche Volkstum zugrundegeht, dass die Menschen nicht den
Blick verlieren für wirkliche soziale Gerechtigkeit und für
wirkliche Freiheit des Menschen und des Gewissens. Wir können
und müssen auch weiterhin und vor allem die Menschen
persönlich mit einander verbinden, die den Willen und den
Glauben an die Überwindung dieses Systems und dessen Ablösung
durch den Bund aller ehrlichen und anständigen Deutschen
haben. Überall, wo wir stehen und schaffen, sollten wir
arbeiten an dieser wahrhaft christlichen und deutschen
Aufgabe. Bleiben wir ihr, bleiben wir unserer Idee getreu,
die Wirklichkeit zu gestalten aus dem Geist eines lebendigen
Katholizismus: heute, in der Unterdrückung, morgen, im
Aufbau!”
Theo Hespers sorgte dafür, dass die “Kameradschaft” eine von
ökumenischem Geist beflügelte Widerstandszeitschrift wurde
und trug diese Absicht auch in die “Sonder-informationen
Deutscher Jugend”
In Heft 12 der Kameradschaft vom Dezember 1938 erschien die
von Hespers gemeinsam mit Peter Lüttges formulierte
Zukunftsvision “So wollen wir Deutschland”. Der Aufruf
beginnt:
“Schwer lastet das Joch der Gewaltherrschaft auf
Deutschland. Das deutsche Volk ist durch das totalitäre
Hitlersystem seiner Freiheit beraubt, rechtlos und
unterdrückt. Die Würde des einzelnen Menschen und des
gesamten Volkes ist durch die Systematisierung der
Anträgerei, Verleumdung, des Betruges und der Heuchelei,
durch den totalen Terror vernichtet. Durch ihre
imperialistische Machtpolitik droht die Hitlerregierung, das
deutsche Volk in den Krieg zu führen und so seinen Untergang
herbeizuführen.
Jeder, der an den Ewigkeitswert des Menschen glaubt und dem
das deutsche Volk und seine christliche Kultur lieb sind,
fühlt die Verpflichtung, die heute über Deutschland
herrschenden Gewalthaber abzulehnen und sich für deren
Überwindung einzusetzen. Als junge katholische Deutsche
fühlen wir uns darum auf Grund des durch das Christentum
geheiligten Naturrechtes verpflichtet, für den Sturz des
Hitlerregimes zu kämpfen. Lange haben wir gewartet auf einen
Aufruf der Kräfte in den eigenen Reihen von Seiten führender
katholischer Männer. Aber alle, die früher das Wohl des
Volkes im christlichen und katholischen Lager vertraten,
schweigen heute. Sie schweigen schon allzu lange, als dass
man noch verantworten könnte, auf sie zu warten. So wollen
wir denn auf unsere eigenen jungen Kräfte bauen, umsomehr, da
wir der Überzeugung sind, dass die neue Zeit Menschen
erfordert, die unbelastet durch die Vergangenheit, den neuen
Aufgaben gerecht werden können.
Der Zusammenbruch der Weimarer Parteien, der Machtantritt
der N.S.D.A.P. und nicht zuletzt die Tiefe der
kapitalistischen Wirtschaftskrise haben uns gelehrt, dass nur
eine vollständige Neuordnung der Gesellschaft, des Staates
und der Wirtschaft eine dauerhafte Gesundung des deutschen
Volkslebens herbeiführen kann.” Mit einer Formulierung die
die Theo-Hespers-Stiftung sich als Leitwort gewählt hat,
heißt es dann: “Die Erneuerung der Lebensverhältnisse ist
aber nur dann praktisch durchführbar, wenn ihr eine neue
Gesinnung zu Grunde liegt.”
Und Theo Hespers fährt fort: “Diese Gesinnung ist: Die
Überwindung des Privatinteresses durch die Idee der
Gemeinschaft zum Wohle des Volkes. Die Überwindung der
kapitalistisch-materialistischen Gesinnung ist aber nur
möglich, wenn die Frage nach der Aufgabe des Menschen mit dem
höchsten Ziel beantwortet wird. Dieses Ziel sehen wir
Christen in der Vollendung der menschlichen Persönlichkeit.”
Hespers fordert eine Staatsform, “die die Gleichberechtigung
aller Staatsbürger gewähr-leistet. Diese Gleichberechtigung
erfordert außerdem eine Wirtschaftsform, die die wirklich
soziale Unabhängigkeit des Einzelnen garantiert.”
Im Eigentums- und Wirtschaftsbereich entwickelte Hespers
dann Gedanken, die weitgehend dem späteren Ahlener Programm
der CDU von 1947 entsprechen, und fährt fort: “Das
Erziehungsrecht liegt ausschließlich in den Händen der
Eltern. Diese haben das Selbstbestimmungsrecht, ihre Kinder
einer Schule anzuvertrauen, die ihren religiösen und
weltanschaulichen Auffassungen entspricht.” “Die Jugend hat
das Recht, sich in freie Jugendbünde nach der Eigenart ihres
Wollens zusammenzuschließen.”
Das Manifest forderte Rede- und Pressefreiheit und “Die
Kirchen werden als selbständige Glaubensgemeinschaften vom
Staate anerkannt und geschützt. Sie sind als Träger des
Christentums wesentliche Grundlagen der deutschen Kultur. Die
Aufgabe der Kirche war und wird sein, das Christentum im
deutschen Volke lebendig zu gestalten, d.h. die Menschen zu
formen, die die beste Gewähr für die Verwirklichung des
Christentums im öffentlichen Leben des Volkes bieten.
Die Kirche enthält sich jeder Anteilnahme am politischen
Leben. Eine große völkische Aufgabe der Kirchen wird vor
allem auch in der weitgehendsten Überbrückung der Gegensätze
der christlichen Konfessionen durch die Herausstellung der
Gemeinsamkeit der christlichen Glaubens- und Sittenbegriffe
liegen.
Das kommende Reich wird aussenpolitisch für die
weitgehendste, kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit
mit den anderen Völkern Europas und der übrigen Welt sich
einsetzen. Aus der Achtung vor dem eigenen völkischen
Eigenwert wird es auch die völkische Eigenständigkeit der
anderen Nationen achten. Es ist daher für die Freiheit und
das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes wie für
dasselbe Recht aller anderen Völker....So wird das Reich
aufgebaut sein auf der Grundlage der Freiheit, der
Gerechtigkeit und der Menschenwürde, gesichert durch die
geistige und materielle Stärkung der deutschen Volkskraft.
Wir stellen diese Grundforderungen auf in dem Bewusstsein,
dass sie nicht durch fromme Wünsche erreicht werden können,
sondern nur durch den Einsatz aller geistigen und materiellen
Kräfte all’ derer, die willens sind und sich verpflichtet
fühlen, sich für den Sturz der heutigen Gewaltherrschaft und
für die Erneuerung Deutschlands einzusetzen. Wir fordern
darum alle, an die dieser Aufruf ergeht, auf, sich für oder
wider dieses Manifest auszusprechen. Dabei wenden wir uns in
erster Linie an alle aktiven katholischen Deutschen, darüber
hinaus aber auch an alle Christen und alle, die der Lehre des
Christentums wohlwollend gegenüberstehen. Wir sagen von
vornherein, dass wir nicht die Bildung einer konfessionellen
Front erstreben, sondern die Schaffung eines Bundes aller
derer, die ein lebendiges Christentum als wesentliche
Grundlage des deutschen Volkstums anerkennen. Wir wollen,
dass der Rahmen dieses Bundes soweit wie möglich gespannt
sei, weil wir uns des Ernstes der heutigen Lage und der
Schwere unserer Aufgabe bewusst sind. Geht es doch nicht um
die Rettung dieser oder jener kulturellen, konfessionellen
oder sozialen Bestandteile, sondern um die Rettung der
christlichen, deutschen Kultur, um die geistige und leibliche
Freiheit und den Bestand des deutschen Menschen schlechthin.
Von der Einsatzbereitschaft eines jeden Einzelnen wird es
abhängen, wann das Reich der Freiheit und Gerechtigkeit
aufersteht!”
Schon am 8. September 1938 wurde die “Kameradschaft” vom
Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda im
ganzen deutschen Reich verboten.
Beide sind nicht unabhängig von einander denkbar, die
“Deutsche Jugendfront”, in der Niederländer, Belgier,
Franzosen, Engländer und Angehörige anderer Nationen mit den
Deutschen um Theo Hespers und Hans Ebeling gemeinsam für
Freiheit, Menschenrechte und ihre christlichen
Gewissensentscheidungen, für Demokratie und gegen den
Hitlerterror kämpften und einige ihr Leben für diese hohen
Ziele opferten, und die "Kameradschaft", die als
Zeitschrift - z.T. mehrsprachig - die Verbrechen der Nazis
anprangerte, zum Zusammenstehen und zum Widerstand aufrief,
umfassend und wahrheitsgemäß informierte und den durch die
NS-Lügen notwendig gewordenen "Nachhilfeunterricht"
erteilte. "Kameradschaft" wurde zu einem wichtigen
Sprachrohr des Widerstandes und konnte außer in Deutschland
auch durch zahlreiche Kontakte im außerdeutschen Raum
verteilt werden (in Belgien, den Niederlanden, Luxemburg –
über Dr. Wilhelm Solzbacher - , der Schweiz – über den
Schriftsteller Dr. Hans Wirtz, – Frankreich, der
Tschechoslowakei (über Hans Jäger) Dänemark, Schweden,
Großbritanien, USA und Australien).
Die niederländische Jüdin Sarah Cato (“Selma”) Meijer
übernahm in ihrem Büro “Holland Typing Office” und als
Sekretärin der Hauptverwaltung “Internationaler Frauenbund
für Frieden und Freiheit” Herstellung und Vertrieb der
Zeitschrift. Ihre Agentur in Amsterdam war eine wichtige
Anlaufstelle für Theo und seine Widerstandskreise. Gemeinsam
mit Ebeling gründete sie auch das “ Hilfskomitee für
jugendliche Flüchtlinge aus Deutschland" (“Comitte tot
hulp aan jeugdige duitsche vluchtelingen”), das jugendliche
Emigranten bei ihrer Flucht aus Deutschland
unterstützte (und in Belgien wurde eine Paralleleinrichtung
begonnen, das
“Comitè d’aide por des jeunes refugiès allemands” in Brüssel). Das niederländische Komitee mietete ein Haus in Zaandam, das bis zu zehn Flüchtlinge beherbergen konnte, und finanzierte Emigranten Flüge von Prag in die Niederlande, Flug- und Schiffsreisen nach Australien, Südamerika oder Shanghai.
(S.C.Meyer starb im Gefängnis Berlin-Moabit an den Folgen
der dort erlittenen Schläge. Hildegard Wester MdB referierte
bei Symposien der Hespers-Stiftung in den letzten Jahren und
bei einer Veranstaltung in der Gladbacher Synagoge über diese
eindrucksvolle selbst-lose Frau aus dem Widerstand im
Westen.)
Der Historiker Professor Dr. Arno Klönne stellt rückschauend
fest: “Die Wirkung der Gruppe um die ‚Kameradschaft’ und
ihres Verbindungsnetzes in der ‚Jugendfront’ lag nicht nur in
der Einflussnahme auf illegale Jugendgruppen in Deutschland
oder in der Kontaktnahme zu deutschen Jugendgruppen, die –
vor dem Krieg – Auslandsfahrten machten und hier mit den
Argumenten der ‚Kameradschaft’ vertraut gemacht wurden (was
vor allem für Frankreich und Dänemark / Schweden nachweisbar
ist). Wim Verkade berichtet aus zeitlichem Abstand:
“Denjenigen, die sich um Hans Ebeling, Theo Hespers, Hans
Stoffers und ihre jüngeren Freunde kümmerten, wurde bald
klar, dass diese Deutschen weit mehr zu geben als zu erbitten
hatten. Ihre Warnungen gegen politische Infiltration von
nationalsozialistischer Seite her...erwiesen sich bald als
zutreffend. Ihre Deutung von Ereignissen im Dritten Reich
stützte sich auf eine weitaus bessere Kenntnis...als sie
nicht nur niederländische Presse-Kommentatoren, sondern auch
die meisten anderen deutschen Emigranten hatten.” Verkade
schreibt es nicht zuletzt der von der Gruppe um die
‚Kameradschaft’ geleisteten Aufklärung zu, dass der Einfluss
der niederländischen Nationalsozialisten zwischen 1935 und
1939 erheblich zurückging und das Deutschlandbild in der
niederländischen Öffentlichkeit sich zum Realistischen hin
veränderte, also die vom NS-Staat herdrohende Gefahr voll zur
Kenntnis nahm.”
Und die Enkelin des niederländischen Widerstandskämpfers Dr.
Marcus van Blankenstein, Dr. Elisabeth Blankenstein, fasst
ihre Forschungen zusammen:
“Die Jugendfront war eine Bündelung von deutschen
antinazistischen Jugendorganisationen, die beim Machtantritt
Hitlers ihre Aktivitäten im Untergrund fortgesetzt hatten.
Das Publikationsorgan der Jugendfront war die ‚Kameradschaft
– Schriften junger Deutscher’, die ab 1937 zuerst in Brüssel
und später in Amsterdam herausgegeben wurde. Die Initiatoren
waren der aus Deutschland geflüchtete römisch-katholische
Jugendleiter Theo Hespers und der ebenfalls aus Deutschland
stammende Jugendführer Hans Ebeling. Mehr als einige andere
Emigrantenblätter war ihr Periodikum gekennzeichnet durch
ihre unverblümten Kommentare über das Hitlerregime. Ebeling
und Hespers lieferten auch Beiträge für andere
antinazistische Publikationen, wie z.B. ‚Het Filter’ (‚Der
Filter’), das monatliche Presseorgan der ‚Stichting
Nederlandsche Jongeren Pers-Comissie’ (‚Stiftung
Niederländische Jugendpresse- Kommission’). Die Zeitschrift
wurde verbreitet unter den Führungsmitgliedern der
wichtigsten politischen Jugendorganisationen der Niederlande.
Der Vorsitzende von diesem ‚Jugendpressekomitee’
(Jongerenperscomite’) war Piet Brijnen, der die Aufklärung
besorgte für die Bewegung ‚Einheit durch Demokratie’
(‚Eenheid door Democratie’). Diese Bewegung war 1935
gegründet worden, um das niederländische Volk gegen den
Faschismus und Kommunismus wehrbar zu machen. Brijnen, der
über sein eigenes Nachrichtennetzwerk verfügte, war von van
Blankenstein als Informant des britischen Nachrichtendienstes
angeworben worden.”
Eine Besonderheit der Widerstandsgruppe um die
"Kameradschaft" lag darin, dass diese - anders als
viele andere Gruppen in der Emigration - die deutsche Jugend
nicht als "geborene" Anhänger der HJ und NS
ansahen, sondern als Kraft, aus der sich eine zunehmende
Opposition gegen den NS- Staat herausbilden werde. Die Gruppe
um die "Kameradschaft" vertrat - anders als viele
andere - eindeutig die Überzeugung, dass jedes internationale
Abkommen mit Hitler unmöglich sei. Ein Krieg mit dem NS-Staat
sei unvermeidbar und daher die Zusammenarbeit der deutschen
NS-Gegner mit den "Feindmächten" notwendig.
Bei mehreren Reisen nach Großbritanien - mit Antonia
Verhagen bzw. Hans Ebeling - knüpfte Theo. Kontakte zum
englischen katholischen Komitee, arbeitete mit dem
antinationalsozialistischen Komitee zusammen, auch durch
Verteilung von dessen Werbeschriften, und trat in Verbindung
zu Emigranten. Auch über “Plato”, Hans Ebeling, der 1939 nach
London geflohen war, bekam er Kontakt zu BBC, Club 43 (der
auf Initiative der beiden Kameradschaftsmitglieder Ebeling
und Hans Jaeger gegründet worden war) und dem PEN-Club in
London. Deutsche Wissenschaftler und Künstler in der
Emigration erhielten in diesen Clubs die Chance, über
kulturelle und politische Fragen zu diskutieren. Hier wurden
Pläne für die Zeit nach der Hitler-Diktatur geschmiedet und
Erklärungen der Kriegsgegner aufgesetzt.
Theo und Plato E. hatten auch Kontakte zum Secret Service in
London und Amsterdam; die Verbindungen zu den britischen und
niederländischen Geheimdiensten bestanden, um gegen das
Hitler-Regime und den drohenden Zweiten Weltkrieg vorzugehen.
So sind die Widerstandskreise, die vom Niederrhein ausgingen
und Gleichgesinnte in Belgien, den Niederlanden und England
fanden, auch frühe Beispiele grenzüberschreitender
Solidarität und Völkerverständigung".
Und einmalig ist auf für Hespers und den Kreis um die
Kameradschaft, dass hier (vor allem niederländische) Juden
und junge Menschen aus der Jugendbewegung gemeinsam gegen
Hitler kämpften.
Bei der Okkupation der Niederlande durch Nazideutschland am
10. Mai 1940 floh Familie Hespers über Den Haag (wo sie von
der Kapitulation der Königin hörte), sah auf der Flucht das
von deutschen Bomben brennende Rotterdam, und über Rozendal
und Vlissingen ging es nach Dünkirchen. Der englische
Hafenkommandant war bereit, Theo. und seinen Freund Max
Beretz nach England zu retten, nicht aber die Familien.
Beide Männer blieben, Familie Hespers lebte ab Juni 1940 im
Untergrund in Belgien (Halle bei Antwerpen und in einem
Waisenhaus in Brüssel).
Im Schlussbericht der Gestapo Berlin vom 30.7.1941 heißt es über Hespers u.a.:
“Wegen seiner hochverräterischen Bestrebungen wurde
Hespers die deutsche Reichsangehörigkeit am 1. Februar 1937
aberkannt. Am 31. Mai 1935 war er bereits zur Festnahme
ausgeschrieben worden.
Später wandte er sich der “Deutschen Jugendfront” zu und setzte offensichtlich für deren Bestrebungen seine ganze Tätigkeit ein. Er wurde neben Dr. Ebeling der aktivste Mitarbeiter an dieser hochverräterischen Organisation. Erstmalig trat er in dieser Hinsicht im Jahre 1937 in Erscheinung, als zum 17. und 18. Juli 1937 von Dr. Ebeling eine Tagung der ‚Arbeitsgemeinschaft bündischer Jugend’ nach Brüssel einberufen worden war, deren Zweck die Bildung der ‚Deutschen Jugendfront’ unter Einschluß aller kommunistischen, sozialistischen, religiösen und nationalen Kräfte der Jugendarbeit war. Hespers nahm hieran als Vertreter der katholischen Jugend teil und hielt am 18. Juli 1937 vor den Teilnehmern ein Referat über das Thema ‚Die Lage der bündischen Jugend unter besonderer Berücksichtigung der katholischen Jugend’. Seitdem hat er sich für die Organisation und die Erreichung der Ziele der ‚Deutschen Jugendfront’ unentwegt eingesetzt. Seine Hauptaufgaben waren folgende:
- Die Herausgabe der Hetzschrift ‚Kameradschaft’. Hierfür
hatte er alle redaktionellen Arbeiten zu erledigen, wie
z.B. die Beschaffung der einzelnen Artikel, ihre
Zusammenstellung für die einzelnen Ausgaben der
‚Kameradschaft’, die Heranziehung von Mitarbeitern usw.
Außerdem hat er einen großen Teil der in der Kameradschaft
veröffentlichten Artikel selbst verfasst...
-
Verbindungsmann zu den Gruppen der ‚Deutschen Jugendfront’ in Frankreich und Belgien.
- Verbindungsmann zu katholischen Oppositionsgruppen im
Reich. Offensichtlich war es überhaupt seine Aufgabe,
sämtliche Verbindungen nach dem Reich aufrechtzuerhalten.
Über die Art dieser Tätigkeit konnten nähere Einzelheiten
nicht festgestellt werden. Es ist nur bekannt, dass er des
öfteren Besuch von Personen aus dem Reich empfing, darunter
auch von einem katholischen Pfarrer in Deutschland.
-
Bearbeitung von Artikeln für die Hetzschrift ‚Sonderinfomationen’.”
Als Theo Hespers am 10. Februar 1942 mit falschen Papieren
im Rathaus Antwerpen Lebensmittelmarken für seine Familie
abholen wollte, wurde er von der Gestapo verhaftet, über das
Marinegefängnis Wilhelmshaven nach Berlin gebracht (Gefängnis
Prinz-Albrecht-Straße 8, zuletzt nach Moabit) und von
September 1942 bis Juli 1943 immer wieder grausam verhört, da
die Ermittler Namen seiner Freunde aus dem Widerstand
erpressen wollten. (Seine ebenfalls verhaftete Frau Käthe
wurde bis zum 14.11.1942 im Frauengefängnis Vechta
inhaftiert).
Von zermürbenden Verhören, Folterhaft und der Sorge um seine
Frau und seinen Sohn deprimiert schrieb der
Widerstandskämpfer alle 14 Tage an seine Mutter in Jüchen.
Aus den - häufig zensierten - Briefen scheint seine
Geborgenheit im Glauben immer wieder durch und sein
Eingewurzeltsein in katholische Traditionen, die ihn trugen.
Ich kann nur wenige Auszüge zitieren:
In einem auf den 21.1.42 zurückdatierten Brief heißt es:
"Für Deine und anderer lieben Menschen Gebete bin ich
immer sehr dankbar. Es stärkt mich immer, wenn ich weiß, dass
man meiner gedenkt. An Gott macht mich nichts irre. Im
Gegenteil versuche ich mir jetzt eine tiefere Vorstellung von
diesem höchsten Geheimnis zu machen, das wir wohl niemals
ergründen werden... Die Fehler der Menschen können mich
nicht am Göttlichen irre machen. Wohl sehe ich eine Tragik
darin, dass man leiden muß dafür, daß man das Beste gewollt
hat, weil die tieferen Beweggründe seiner Handlungen nicht
verstanden werden. Aber das ist wohl so, solange die Welt
nach menschlichen Gesetzen regiert wird, und dann ist es für
einen Christen das Beste, nur durch Selbsterziehung und
Dienst an der Gemeinschaft in Pflichterfüllung die
Verhält-nisse zu bessern."
16.7.42: "Ich habe inzwischen das Matthäus-Evangelium
durchgelesen. Es fällt mir schwer, trotz aller Wahrheit, die
es ausstrahlt, weil diese Frohbotschaft ja für die Lebenden
geschrieben ist und gerade die Tat fordert." Und am
Schluß dieses Briefes schreibt Vater an mich: "Der
Sommer ist ja so schön für Dich zum spielen in der Natur. Wie
gerne würde Vater noch bei Dir sein und mit Dir durch die
schöne Welt wandern, was er immer so gerne getan hat und Dein
liebes Mütterchen dazu. Nun wirst Du mit anderen lieben
Menschen zusammensein müssen und sei froh, daß Du es so gut
hast. Schreibe mir mal ehrlich, wie es Dir geht. Bete recht
innig zu Gott, daß er Dich und Vater und Mutter
beschirmt."
6.8.1942: "Aber leider ist ja meine Aussicht so ernst,
daß daran wohl nicht zu zweifeln ist, auch wenn Willi" -
sein priesterlicher Bruder - "glaubt, dass ich
begründete Hoffnung haben dürfte...In Wirklichkeit habe ich
Christentum und Kirche immer sehr ernst genommen und mich
ernsthaft dafür eingesetzt. Ja, das ist ja ursprünglich die
Triebfeder zu allem gewesen, daß ich die sozialen Forderungen
Christi verwirklichen wollte....Verzeihe mir liebste Mutter,
daß ich Dir soviel Schmerzen mit meinem Schicksal bereite.
Aber einmalwird es ja überstanden sein. Ich hatte mir so viel
Hoffnungen vom Leben gemacht, soviel Gutes und Schönes wollte
ich nach dieser schweren Zeit mithelfen und endlich mal
wieder ein voller Mensch sein können.”
13.8.1942: "Glaubt nicht, dass ich die Macht des
Gebetes, die Allmacht Gottes unterschätze. Aber ach, der
Mensch hat ja dem Walten Gottes selbst Grenzen gesetzt. Das
ist ja das tragische, daß der Mensch dem Menschen nicht mehr
Bruder sein kann. Doch bitte ich weiter um Euer Gebet für
mich, daß Gott mich stärke...." Und im gleichen Brief
schreibt er indirekt an seine ebenfalls inhaftierte Frau:
"Ich wünsche ihr alles, alles Gute für ihr ferneres
Leben, dass Dieter und sie, meine liebsten Menschen, einander
eine Stütze sein mögen. Sie möge sich meinetwegen keinerlei
Vorwürfe machen. Ich bitte sie für alles um Verzeihung und
hoffe, daß Gott mir gnädig sei und uns einst wieder nach
diesem Leben vereinige. Aber Gottes Wege sind unerforschlich,
vielleicht gäbe es noch eine Hoffnung durch göttliche oder
menschliche Gnade. Sie möge jetzt nicht den Mut verlieren,
sondern daran denken, daß sie für Dieter sich gesund halten
muß. Es kämen für sie ja auch wieder bessere Tage.... Ich
habe immer einfach gelebt und alles geschätzt, aber jetzt
würdigt man jede Gabe zunehmend mehr. Was seid ihr glückliche
Menschen und wisst es vielleicht nicht! Dankt Gott für jede
Speise, die er Euch schenkt! Für mich gibt es nur noch die
Reue, vergebens gelebt zu haben und der Werte des täglichen
Lebens nicht teilhaftig sein zu dürfen. Aber einmal wird ja
alles vorbei sein und auch für mich Friede sein. Ihr werdet,
hoffe ich, noch einmal die neue schöne Zeit erleben, nach der
ich mich immer sehnte, in einem glücklichen Volk, friedlich,
gesättigt und froh leben. Ich wünsche es allen Menschen!"
21.8.1942: "Auf Gott will ich sicher vertrauen, aber
die Wirklichkeit kann ich dabei nicht aus den Augen verlieren
und diese ist unausweichbar."
26.11.1942: "Nun kommt auch das Nikolausfest bald
heran, das ich immer so gerne gefeiert habe. Nun werde ich es
nicht mehr feiern können. Aber es freute mich, wenn Dieter es
froh erlebt."
10.12.1942: "Das Nikolausfest war diesmal für mich eine
Erinnerung an vergangene schöne Festtage. Meinen Geburtstag
werde ich in diesen Tagen ebenfalls ohne einen lieben
Menschen begehen müssen.Und bald kommt nun das
Weihnachtsfest, das für mich immer von Jugend an bis heute
der Inbegriff aller Feste, aller gemeinschaftlichen Freude,
des sich einander Beschenkens, der Liebe und des Friedens
gewesen. Möge die Botschaft der Christnacht immer wieder
Wahrheit werden, allen die guten Willens sind, Friede auf
Erden! So wünsche ich Euch denn jetzt schon eine
gnadenreiche, frohe Weihnacht, Euch allen, liebe Mutter,
liebe Geschwister und allen lieben Verwandten und Bekannten.
Wir wollen zum Kind in der Krippe gehen im Geiste und bitten,
daß wir alle zusammen noch einmal eine frohe Weihnacht feiern
dürfen. Vielleicht wird auch Käthe und Dieter einen der
Feiertage mit Euch verbringen können. Ihr werdet dann im
Geiste bei mir sein."
Und am 10.6.1943 aus dem Gefängnis Moabit: "Trotz allem
will ich hoffen und glauben, daß Gott mir beisteht. Heute war
für mich ein hoher Festtag. Nach langer Zeit habe ich wieder
einmal die hl. Kommunion empfangen dürfen, allein, in meiner
Zelle. Ich bin froh und dankbar für diese Gnade. Der
Gefängnisgeistliche hat mich einige Male bereits besucht,
aber leider hat er ja auch nur wenig Zeit. Aber man freut
sich, einen guten Menschen ab und zu sprechen zu dürfen, der
gute Worte für einen hat...Nun ist in den nächsten Tagen
Pfingsten. Ich wünsche, daß Ihr alle ein frohes Pfingstfest
habt. Möge der heilige Geist uns allen sein Licht und der
ganzen Menschheit das Feuer seiner Liebe schenken, die uns
allen so not tut!"
Im Sommer 1943 durfte der Sohn Dieter Hespers mit seiner
Tante Berta seinen Vater noch einmal im Gefängnis besuchen.
Theo. war damals schon über ein Jahr in einer sehr kleinen
Zelle eingesperrt. Der vor seiner Verhaftung stattliche Mann
wog nur noch 45 Kilo. Seine kräftigen braun-blonden Haare
waren ergraut, aber innerlich war er ungebrochen. Seine Augen
leuchteten seinem Sohn zu, als er rief: “Dirk, hoe gaat het
mit je?”. Da schrie Wachhabende ihn an: “In Deutschland wird
nur Deutsch gesprochen!” Der Vater beschwor seinen Jungen:
“Wenn die mich morgen umbringen, sorg für deine Mutter – und
sag den Freunden: Ich habe keinen verraten!”
Die über 100 Seiten Protokolle des “Ermittlungsverfahrens”
gegen den Inhaftierten aus der Zeit vom Juni 1942 bis April
1943 enthalten viele aufschlussreiche Einzelheiten über den
Widerstandskämpfer und machen deutlich, wie er durch
geschickte Formulierungen und Gedächtnislücken die anderen
schützt. (Diese Protokolle wie auch die Anklageschrift sind
erst zugänglich, seit die Akten über das Archiv des
Staatssicherheitsdienstes der DDR dem Bundesarchiv zugingen).
Erst unmittelbar vor Einlieferung in das
Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit am 13.4.1943 erhielt
Theo Hespers den “Haftbefehl vom Ermittlungsrichter des
Volksgerichtshofes”.
Die 32-seitige Anklageschrift des Oberreichsanwaltes beim
Volksgerichtshof vom 30. Mai 1943 führt als Zeugen nur drei
Kriminalbeamte sowie einen Maurer aus Herkenbosch und einen
Elektriker aus Düsseldorf an.
Hier nur wenige Auszüge aus der Anklageschrift: Zu Heft 12
der “Kameradschaft” vom Dezember 1938 heißt es: “In den
einleitenden Sätzen dieser Abhandlung wird erklärt, dass die
folgende Veröffentlichung einen Aufruf junger katholischer
Deutscher wiedergebe, der in seinen Grundgedanken ‚weitgehend
mit dem Wollen auch der nichtkatholischen Generation
übereinstimme’ und dem daher programmatische Bedeutung
zukomme. In dem anschließenden Hauptteil der Abhandlung wird
sodann unter anderem ausgeführt:
‚Schwer lastet das Joch der Gewaltherrschaft auf
Deutschland. Das deutsche Volk ist durch das totalitäre
Hitlersystem seiner Freiheit beraubt, rechtlos und
unterdrückt...Durch ihre imperialistische Machtpolitik
droht die Hitlerregierung, das deutsche Volk in den Krieg
zu stürzen und somit seinen Untergang herbeizuführen.
Jeder, der an den Ewigkeitswert des Menschen glaubt und dem
das deutsche Volk und seine christliche Kultur lieb sind,
fühlt die Verpflichtung, die heute über Deutschland
herrschenden Gewalthaber abzulehnen und sich für deren
Überwindung einzusetzen. Als junge katholische Deutsche
fühlen wir uns darum auch auf Grund des durch das
Christentum geheiligten Naturrechtes verpflichtet, für den
Sturz des Hitlerregimes zu kämpfen.’”
“Die Zeitschriften ‚Kameradschaft’ und
‚Sonderinformationen’ wurden zuerst in Brüssel und später
in Amsterdam gedruckt und von hier aus an die Einzel- und
Sammelbezieher, zu denen insbesondere auch
Emigrantengruppen in anderen europäischen und überseeischen
Ländern gehörten, sowie ferner an den Zeitschriftenhandel
versandt. Die Auflagen der ‚Kameradschaft’ betrugen anfangs
etwa 600 und später etwa 2000 Stücke. Von dem Heft 8/9 vom
Juli/August 1938 wurden auf Grund einer Vereinbarung
zwischen Ebeling und dem damaligen tschechischen
Presseattaché in den Niederlanden Erban zum Zwecke der
Versendung an Jugendverbände und Einzelpersonen in der
Tschecho-Slowakei auf Kosten des Erban 1000 Stücke mehr als
üblich hergestellt.” “Im Jahre 1937 nahm der Angeschuldigte
unter anderem an der Konferenz in Brüssel teil und hielt
dort einen Vortrag über ‚die Lage der katholischen Jugend,
insbesondere der katholischen bündischen Jugend, in
Deutschland und in der Emigration’. Dabei wies er auf die
Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen der
katholischen Jugend und der übrigen bündischen Jugend in
der Emigration hin. Weiter berichtete er über angebliche
Zwischenfälle zwischen Angehörigen der katholischen Jugend
und der Hitler-Jugend sowie über Unregelmäßigkeiten, die
sich in der deutschen Wehrmacht anlässlich der Einführung
der zweijährigen Dienstzeit ereignet haben sollten. Die
Unterlagen für diese Greuelnachrichten will er in der
Hauptsache von jungen katholischen Emigranten erhalten
haben, mit denen er durch seine Tätigkeit im katholischen
Flüchtlingskomitee in Utrecht in Berührung gekommen war.
“Ferner wirkte der Angeschuldigte bei den Besprechungen
mit niederländischen Jugendführern mit, die in der zweiten
Hälfte des Jahres 1937 in Utrecht stattfanden und zur
Gründung eines Unterstützungskomitees unter der Leitung des
niederländischen Staatsangehörigen Brijen führten.
Ende Juli 1937 besuchten der Angeschuldigte und Ebeling
weiter das damals in Vogelsang bei Amsterdam veranstaltete
Welttreffen der Internationalen Pfadfinder-Bünde
(‚Jamboree’) und führten dort mit dem ungarischen Vertreter
und stellvertretenden Vorsitzenden des ‚Internationalen
Büros’ in London, Graf Teleki, Verhandlungen, die darauf
abzielten, sich für den von ihnen erstrebten Zusammenschluß
der in den einzelnen europäischen Ländern lebenden jungen
deutschen Emigranten die Unterstützung des ‚Internationalen
Büros der Pfadfinder-Bünde’ zu sichern und dessen
Anerkennung als deutsche Sektion zu erlangen.”
“3) Die Mitwirkung des Angeschuldigten bei der Herstellung und Verbreitung der Zeitschriften des Kameradschaftskreises.”
Die Anklageschrift zitiert dann ausführlich Theos Artikel
in den verschiedenen Ausgaben der “Kameradschaft”. Ich lese
hier nur vor:
Zitat: “Heft 8/9 vom Juli/August 1938: Für dieses Heft,
das zur Verbreitung in der damaligen Tschecho-Slowakei
bestimmt war, verfasste der Angeklagte den Aufsatz ‚Zur
großdeutschen Idee’, in dem die großdeutsche Zielsetzung
des Nationalsozialismus als reine Macht- und
Eroberungspolitik hingestellt wird und die Sudetendeutschen
gewarnt werden, den Anschluß an das Reich zu vollziehen,
solange dort der National-Sozialismus herrsche. Ferner
veröffentlichte er in diesemHeft den ihm angeblich von
einem Mitglied der deutschen ‚Quickborn’-Gruppe in
Ostoberschlesien zugesandten ‚Brief an einen
Staffel-steiner’, der ebenfalls scharfe Angriffe gegen den
Nationalsozialismus enthält.
Heft 3 vom März 1939: ‚Nationalsozialistische
Jugenderziehung’. In dieser Abhandlung übt der
Angeschuldigte an er nationalsozialistischen Erziehungs-
und Schulpolitik Kritik. Er schließt mit dem Wunsch, dass
die deutsche Jugend ‚den ihr vom Nationalsozialismus
zugedachten Weg nicht zu Ende gehen’ möge.
Für die ‚Sonderinformationen deutscher Jugend’ verfasste
der Angeschuldigte folgende Abhandlungen: In Nr. 1 vom
Oktober 1939 den Aufsatz ‚Die katholische Jugend’ sowie die
unter der Überschrift ‚Gesetzliche Maßnahmen speziell gegen
die konfessionelle Jugend’ enthaltenen Ausführungen, soweit
sie die katholische Jugend betreffen, in Nr. 6 vom April
1938 den Aufsatz ‚Maßnahmen gegen die konfessionelle
Jugend’.
In diesen Abhandlungen greift der Angeschuldigte in
hetzerischer Form die staatlichen Maßnahmen gegen die
konfessionelle Jugend im Reich an. Außerdem gibt er in dem
zuletzt genannten Aufsatz Greuelnachrichten über angebliche
Vorkommnisse beim Einmarsch der deutschen Truppen in
Österreich wieder.”
Der “Prozess” gegen Hespers vor dem 5. Senat des
Volksgerichtshofes in Berlin war eine Farce: Der Anwalt legte
sein Mandat nieder, weil er keinen “Landesverräter”
verteidigen wollte, und das Ergebnis Tod durch Erhängen stand
schon vor Prozessbeginn fest. Der Volksgerichtshof
verurteilte H. dann am 22. Juli 1943 wegen Vorbereitung zum
Hochverrat und Landesverrat zum Tode; ein Gnadengesuch der
Familie an den aus Rheydt stammen-den Dr. Joseph Goebbels
blieb unbeachtet. Vor 60 Jahren, am 9. September 1943 wurde
Theo Hespers - mit 250 anderen Opfern – in der
"Garage" in Berlin-Plötzensee gehängt. Wie
Gefängnispfarrer Peter Buchholz berichtete, waren die letzten
Worte von Theo: "Ich opfere Gott mein Leben für das
deutsche Volk!" Die Leiche wurde verbrannt, seine Asche
in alle Winde zerstreut, um "keine Märtyrer zu
schaffen", wie ein Gestapo-Beamter Theos Schwester
gestand.
Lutz Lemhöfer, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der
Theo-Hespers-Stiftung in Mönchengladbach, fragte in einer
Gedächtnissendung 1981:
“Was ist aus Theo Hespers und seinen Ideen geworden? Ganz
leicht ist das nicht zu sagen, denn ein detailliertes
politisches Programm hat er nicht hinterlassen; die Zeit des
Widerstandes kannte nur grobe Pläne für die Zukunft: Ein
freies, ein rechtstaatliches, ein demokratisches Deutschland
sollte es sein mit einem starken sozialistischen Einschlag:
eine Bodenreform war ebenso vorgesehen wie die
Verstaatlichung der Schwerindustrie.
Insgesamt ähneln die Vorstellungen der ‚Kameradschaft’ am
ehesten dem ‚linken’ Ahlener Programm der CDU von 1947.
Deutlicher jedoch als die Programmatik ist das
leidenschaftliche Verlangen nach Erneuerung, nach einer
‚vollständigen Neuordnung der Gesellschaft, des Staates und
der Wirtschaft’.”
Prof. Arno Klönne, ebenfalls Mitglied des wissenschaftlichen
Beirates der Theo-Hespers-Stiftung, schreibt in seinem
Nachwort zu dem für 2003 geplanten Buch von Dirk Hespers “ROT
MOF – Fragmente aus einer braunen Zeit u.a.:
Nach der Niederlage Hitlerdeutschlands im Jahre 1945, der
Besetzung durch die Alliierten und der Gründung der beiden
deutschen Teilstaaten im Jahre 1949 hat es lange Zeit
gebraucht, bis der Widerstand gegen den Nationalsozialismus
in seiner Vielfalt und in seinem historischen Rang in der
deutschen Öffentlichkeit bekannt gemacht und anerkannt wurde.
Vielen Deutschen, auch manchen Nachkriegspolitikern oder
Repräsentanten der Wissenschaft und der Kirche, war es gar
nicht angenehm, durch eine Erinnerung an die deutschen Gegner
des Naziregimes auf eigene Versäumnisse und Fehlwege in der
Zeit um und nach 1933 verwiesen zu werden. Da war es bequem,
über diejenigen, die frühzeitig vor den katstrophalen Folgen
der ‚nationalen Revolution’ gewarnt hatten, möglichst wenig
zu wissen, zu sagen oder zu publizieren: dies diente der
eigenen Entlastung. ‚Organisiertes Vergessen’ dieser Art traf
auch den Lebensweg von Theo Hespers. In mehrfacher Hinsicht
hatten die Meinungsmacher es hier mit einer höchst unbequemen
Widerstandsbiographie zu tun. Da war ein Mann, der längst vor
dem Jahre 1939 in aller Deutlichkeit herausgestellt hatte:
Hitler bedeutet Krieg – und der keinen Zweifel daran gelassen
hatte: Wer dem Hitlerregime ein Ende machen will, muss etwas
für die militärische Niederlage Hitlerdeutschlands tun: Da
war ein Katholik, der sich nicht auf die opportunistische
Ergebenheitshaltung gegenüber einer angeblich rechtmäßigen
Staatsgewalt einließ, wie sie manche Kirchenfürsten übten.
Und da war ein Linker, der auch im westlichen Exil
kapitalismuskritisch bleib, aber sich nicht scheute, auch die
Machenschaften des sowjetischen Staates unter Kritik zu
stellen. Und schließlich: Da war ein politisch handelnder
Mensch, der – nicht zuletzt aus seiner Erfahrung von
Jugendbewegung her geprägt – Politik nicht als Sache dieser
oder jener Obrigkeit, sondern als Aufgabe demokratischer
Bewegungen ‚von unten’ begriff. Kein Wunder also, dass Theo
Hespers den Machtstrategen in der deutschen Gesellschaft nach
1945, welcher politischen Farbe auch immer, ‚zur
Traditionspflege nicht geeignet’ erschien.
Der “Widerstand aus Glauben” des Theo Hespers, sein Einsatz
für Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Frieden und
Selbstbestimmung der Völker mit allen Konsequenzen bis zum
Märtyrertod, ist Vorbild und Verpflichtung. Aus seinen
Wurzeln in Mönchengladbach, in seinem christlichen Glauben
und seiner sozialen Verpflichtung und in der bündischen
Jugend hat Theo Hespers Zeichen gesetzt, die auch jungen
Menschen heute Maßstäbe geben können.
Die Stadt Mönchengladbach und die
Theo-Hespers-Stiftung werden am Dienstag, dem 9. September
2003, dem 60. Todestag von Theo Hespers, auf dem
Mönchengladbacher Hauptfriedhof seiner ehrend gedenken,
Oberbürgermeisterin Monika Bartsch und Propst Edmund Erlemann
werden ein – vorher mit einem Quickbornbanner verhülltes -
städtisches Ehrenmal einweihen. Am darauffolgenden Sonntag,
dem 14. September, findet um 11.oo Uhr im Münster zu
Mönchengladbach ein Gedenkgottesdienst für Theo Hespers
statt, gestaltet von Regionaldekan Dr. Albert Damblon, dem
Münsterchor und der Theo-Hespers-Stiftung.
An drei Mittwochen, dem 10. und 17. September und dem 10.
Dezember, strahlt der Lokalsender 90.1 in Mönchengladbach
jeweils um 19.03 Uhr ausfürliche Sendungen über Theo Hespers
aus, die von der Theo-Hespers-Stiftung gestaltet werden.
Die Theo-Hespers-Stiftung wurde am 10. Dezember 1993 von
Dirk Hespers, dem Sohn des Widerstandskämpfers, gegründet.
Vorsitzender ist heute Ferdinand Hoeren (Mönchengladbach),
Stellvertretende Vorsitzende Dr. Meinulf Barbers,
(Korschenbroich), Jutta Finke-Gödde (Mönchengladbach) und
Günter Rombey (Mönchengladbach – Rheydt). Die Stiftung
versucht gegen dieses “Organisierte Vergessen” des
Widerstands im Westen nach der Befreiung vom Hitlerregime
anzugehen, Ziele und Motive der Widerstandskreise um die
“Kameradschaft” und die “Deutsche Jugendfront” aufzuarbeiten
und bekannt zu machen. Sie verleiht alle ein bis zwei Jahre
im Mönchengladbacher Rathaus Abtei die
“Theo-Hespers-Plakette” an Persönlichkeiten, die sich für
Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit und Frieden eingesetzt
haben (zuletzt an Dr. Jochen Vogel vom Verein “Gegen
Vergessen – für Demokratie”) und dann an Wolfgang Niedecken –
von BAP – die Laudatio hielt hier Martin Stankowski). Die
Stiftung macht viele Angebote besonders für junge Leute,
erarbeitet Ausstellungen und Dokumentationen; wichtig sind
auch die Archiv- und Internetarbeit der Stiftung und ihre
Vernetzungen mit anderen Gruppen und Vereinen in der Euregio
Rhein-Maas-Nord. Ich selbst bin seit Jahren einer
derStellvertretenden Vorsitzenden der Hespers-Stiftung, die
in diesem Jahr u.a. ein Symposion zum Thema “Jugend und
Gewalt” durchgeführt hat und ein weiteres zweitägiges
Symposion um den 12. Dezember (100. Geburtstag von Theo
Hespers) geplant hat. Ein früheres Symposion hatte z.B. das
Thema “So hatten sie Deutschland neu gedacht – und das haben
wir daraus gemacht”. Zukunftsvorstellungen aus dem Widerstand
für eine Zeit nach Hitler (so von Theo Hespers, Max Joseph
Metzger, Kreisauer Kreis, Weiße Rose, 20. Juli, Rote Kapelle)
wurden ausführlich erörtert und mit der Realität der letzten
Jahrzehnte konfrontiert.
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